Warum ich (k)ein Eisbär sein will – Anfang eines Versuch

Die Eisbären stehen, sitzen, liegen auf ihren angestammten Eisschollen. Eisbären sind schwergewichtig, sie brauchen Platz. Seit geraumer Zeit werden die Eisschollen immer kleiner. Die Lebensgrundlage schmilzt den Eisbären unter dem Arsch weg. Viele der Eisbären auf den Schollen sind in die Jahre gekommen. Ab und zu wird einer der zunehmend zahnlosen Bären über Bord geschubst. Das ist bedauerlich, aber notwendig.

Für neue Eisbären, die auf der Suche nach festem Untergrund im Polarmeer herumschwimmen, wird es eng. Wenn einer auf die rettende Eisscholle will, muss er sich was anhören: Sie sind ein schöner Eisbär, heißt es dann. Es kommen heutzutage nicht mehr viele so schöne Eisbären wie Sie vorbei. Aber leider haben wir kaum Platz auf unserer Scholle – Sie sehen ja, die wird kleiner und kleiner, da müssen wir schauen. Und für die wenigen Lücken, die sich gelegentlich ergeben, suchen wir etwas anderes. Vielleicht etwas Kleineres, Leichteres. Schwer zu sagen. Schwimmen Sie doch bitte weiter. Verstehen Sie, Sie würden die Scholle zum Kentern bringen. Hätte keiner was davon. Bestimmt finden Sie woanders einen Platz. So ein schöner Eisbär wie Sie! Viel Glück.

Tiere gehen immer. Wenn Sie Aufmerksamkeit erregen wollen, sollten Sie ein Tier sein. Wenn Sie auf Mitgefühl aus sind, sollten Sie ein Tier sein. Ein Tier sollten Sie auch sein, wenn Sie Ziel kopfloser Rettungsaktionen werden wollen. Immerhin können Sie dann sicher sein, dass versucht wird, Sie zu retten, was andernfalls nicht so wäre, also wenn Sie zum Beispiel ein Mensch wären. Wenn Sie das Primat des ökonomischen Prinzips und der damit einhergehenden Rationalität außer Kraft setzen wollen, was ungefähr so schwer ist wie die Naturgesetze außer Kraft zu setzen, sollten Sie ein Tier sein. Am besten ein Säugetier.

Ich bin ein Eisbär.

Das war ich schon immer. Nur wusste ich es nicht. Jetzt, wo ich es endlich weiß, habe ich ein Problem. Mindestens eins.

Ich versuche, es Ihnen zu erklären, wenn Sie mir folgen wollen. Auch wenn es vielleicht eher so ist, dass ich mir die Probleme selbst zu erklären versuche. Erklären im Sinne von Klarheit gewinnen, ergründen, also Gründe suchen und sie dann sortieren, in Gründe, die etwas mit mir zu tun haben, und Gründe, die außerhalb von mir liegen. Ich spüre die Notwendigkeit, das halbwegs sauber getrennt zu halten, auch wenn ich jetzt schon ahne, dass mir gelegentlich das eine ins andere fließen wird. Darum, wer an was schuld ist, geht es mir nicht. Mit dem Begriff Schuld kann ich nicht viel anfangen. Aber mich interessiert, wer oder was welchen Anteil an dem hat, wofür mir kein anderes Wort einfällt als: Misere. 

Es ist also ein Elend. Irgendein Elend ist immer, war immer – und des einen Elend ist des anderen Glücksseligkeit. Es kann hier nur um mein persönliches Elend gehen und das Elend der Eisbären. 

Es liegt mir fern, das Zeitalter der Eisbären als Stufe einer Entwicklung darzustellen, weder als höchste Stufe, noch als letzte. Ich glaube nicht an die Erzählung vom Fortschritt und halte Begriffe wie Verfall, Niedergang, Untergang für wenig brauchbar. Es sei denn, man ist auf Polemik aus und die Sprecherabsicht ist nicht Erkenntnis, sondern Vernichtung. Ich tue mich auch schwer mit ontologischen Systemen, kann nicht glauben, dass es ein „Ding an sich“ gibt oder das absolut Gute oder Schlechte, an dem sich „besser“ und „schlechter“ orientieren könnte. Mir leuchten eher ein: die Unschärfe der Welt, und dass es eben irgendwie funktioniert. Wozu ich mich gerade noch versteigen kann, ist die Annahme: früher war es anders schlecht, aber besser für Eisbären.

Anspruch auf Allgemeingültigkeit meiner Beobachtungen, an deren Ende vielleicht eine Erkenntnis steht, erhebe ich nicht, auch nicht auf ein Expertentum, das so tut, als gehe es über die eigene Erfahrung und das, was ich über Dritte oder von Dritten gelernt habe, hinaus. Ich wähle bewusst die literarische Form des Versuchs. Literatur ist immer mit dem Einzelfall befasst, in dem sich, wenn es gut läuft, oft mehr vom Ganzen zeigt, als wenn man gleich aufs Ganze zielt. Das ist einer der Gründe, wenn nicht der Hauptgrund, weshalb ich mit „dem Schreiben“ überhaupt angefangen habe. Sich schreibend klar oder zumindest klarer werden über die eignen Annahmen über die Welt.

Was meine ich, wenn ich „Welt“ sage? Die Menschen und ihre mannigfaltigen Beziehungen. Was anderes macht unsere, meine, Ihre Welt aus? Immer geht alles zurück auf den Menschen, der sich zu anderen Menschen oder Dingen oder Ideen in Bezug setzt, niemand kann sich selbst und seiner Perspektive entkommen, da hilft auch keine journalistische Neutralität und keine wissenschaftliche Objektivität (und übrigens auch kein Nature Writing. Ich bin zwar ein Eisbär, aber wie der reale Ursus maritimus seine Welt wahrnimmt, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen). Objektivität (oder meine ich Redlichkeit?) im Sinne von sich gewahr bleiben, dass immer auch andere Perspektiven eingenommen werden können, neue Informationen dazukommen, die Gegebenheiten sich ändern und man nie fertig ist mit dem Wahrnehmen, taugt als Fernziel, als Kompass, als Anspruch. Wie der Horizont rückt dieses Ziel immer wieder in die Ferne, egal, wie lang man darauf zuhält; wichtig ist, dass man das weiß und seinen Kurs, egal wie sehr man zwischendurch ins Schlingern gerät, immer wieder darauf ausrichtet.

Ich will mir klar werden über meine ursprünglichen Annahmen über „das Schreiben“ und sie mit meinen Beobachtungen und Erfahrungen der letzten zehn, zwölf Jahre abgleichen, Schritt für Schritt: Annahme, Realitätscheck, Korrektur, neue Annahme, und so weiter mit zunehmender Erfahrungsdichte. Was mich umtreibt, ist die Höllenangst vor der finalen Korrektur, die man „Scheitern“ nennt. Eine Art Todesangst. Das Schicksal des Eisbären ist das Aussterben.

Ich habe mir vorgenommen, mich auf die von mir einnehmbaren Perspektiven (ja, Plural) zu beschränken. Selbstredend sieht ein Eisberg aus jedem Blickwinkel anders aus und es mag Menschen in diesen Polargegenden geben, die überall Zeichen der Hoffnung sehen. Wenn Sie in 10.000 Metern Flughöhe mit 900 Stundenkilometern über Grönland rasen, ist die Eisfläche unter ihnen nichts anderes als schön und der Gedanke an den Klimawandel erscheint abstrus, Sie sehen es doch mit eigenen Augen: das ewige Eis.

To be continued. For my eyes only. Probably.

Grönland, Foto de

Magie du lac

I

Je pars alors seule au bord du lac pour y jeter le reste de mon cœur plein auprès de la mauvaise confiance qui y flotte déjà. C’est qu’il n’y a pas d’autre lieu qui lui convienne et où il pourrait rester. Il est certainement assez lourd pour faire couler avec lui tout ce qui semblait insubmersible. Je me sentirai toute légère avec le lac dans le dos. Et même les yeux fermés, je ne verrai sur l’autre rive plus rien que brouillard et montagnes et ciel.

II

Aujourd’hui je peux le laisser tranquille, ton lac. Le lac dont tu dis que ce n’est pas le tien, que je l’ai transformé en ton lac parce qu’il était un jour notre lac. Je peux le laisser. Et les montagnes aussi. Qui sont peut-être les tiennes. Mais certainement pas les miennes.

III

Je sais faire disparaître des lieux ! Pour faire cela je n’ai même pas besoin de me charger  de la pensée magique que tu m’as interdite depuis belle lurette. Sous peu les prétextes d’aller au lac me feront défaut. Quitter un appartement. Partir d’une ville.
Je ne peux plus affirmer de ne pas ne pas venir juste pour toi et je demanderais juste comme ça, si tu pouvais peut-être, si on pourrait éventuellement.
Ne te gênes surtout pas de me poser la question, dis-tu, sinon je risque de t’oublier pour de bon.
Combien de fois j’ai maudit déjà ton silence ? Voulais avoir des phrases de toi. Celle-ci cependant t’aurais du la garder. Je ne reviendrai pas, sauf si tu dis : viens !
Les lieux disparaissent avec les êtres humains – quand quelqu’un part ou est oublié « pour de bon ». Ce serait bien dommage, dis-tu. Je ne te comprends pas. Ou bien trop bien.

IV

Un zèbre est arrivé au bord du lac. Pour dire vrai il était déjà là probablement depuis longtemps. C’est juste que nous lui avions donné d’autres noms. Des noms de cheval. Celui qui à une nature chevaline pense à un cheval quand il entend du galop. Désormais la seule solution c’est une cure de cheval et encore… Fi ! Honte à toi de penser des choses pareilles. Vois-tu, tu soufres toujours de phantasmes de pouvoir absolu et t’imagines de pouvoir influencer le cours de l’histoire avec tes pensées.

V

J’ai plongé dans le lac à la recherche de la mauvaise conscience. Et alors tu te tenais déjà sur la rive. Toi devant la forêt sombre. J’ai pris avec moi ton image dans les profondeurs. L’eau était trouble, impossible de voir. C’est seulement à ce moment là que je te suivais à la nage, je nageais vers toi. Toi sur pied dans le gravier, clair devant la forêt sombre, moi, me balançant avec précaution sur les galets glissants. 
Quelque chose de méfiant s’est mis sur ma peau. Ta main sur mon dos le frottait. Tous les deux nous avons repensé à nous embrasser. Le bac, j’ai du le prendre trois fois parce que tu voulais t’oublier auprès de moi : le zèbre a jeté en arrière sa tête et m’a regardé avec les yeux pleins de reproches.

Übersetzung meines Textes Seezauber von Victor Saudan, 2026

Trostmond

Mit dem Kopf ins Weltall hängend schauen wir.
Dass uns das Blut nicht in den Kopf steigt, dafür sorgt eine physikalische Kraft.
Wir kleben mit den Füßen auf der Brücke wie Fliegen an der Decke. Und nehmen uns wichtig.

Blutmond, Modersohnbrücke, Berlin Foto: de

Kraut

Vorsichtig mache ich zwei Schritte in das Feld hinein. Dreck quillt unter meinen Schuhspitzen und hinterlässt einen breiten Rand. Ich gehe in die Hocke, betaste den Krautkopf mit klammen Fingern, die glatte, ledrige Haut, die plastischen Blattadern. Ich nehme den Kopf hoch, drehe ihn um, betrachte das Gekräusel in seinem Inneren, fragil und stabil zugleich, zäh und zart. Ein Krauthirn. Wenn man den Menschen in die Köpfe schauen könnte!

Was man sehen kann: Wo alles beginnt und dass alles zusammenhängt. Am dicken Ende sitzt der Strunk, daraus wachsen sechs Arme hervor. Der Krautstrunk reckt die Arme, als wollte er sie über dem Kopf zusammenschlagen, und bleibt auf halben Weg stecken. Mit erhobenen Händen ergibt er sich in sein Schicksal. Die Blätter legen sich in Falten, verfranzen sich, fransen aus in feine Fältchen, die jeden Zwischenraum füllen. Erst zur Spitze hin ordnen sie sich wieder zu klaren Schichten, von innen nach außen jedes Blatt eine Nuance dunkler, und alles fest umschlossen von einem Schutzmantel, der das Chaos im Inneren birgt.

Zeichnung: Hans-Jörg Straub, Literarisches Forum Oberschwaben 2025

Höllenkunst

Muss das nicht ein mächtiger Magier sein, der die Sonne von jetzt auf gleich in Eis verwandeln kann?
Doch das täuscht.
Hast du gesehen, wie golden das Flusswasser war an dem Abend? Flüssiges Gold. Während ich bei dir war, ist es über die Ufer getreten. Noch als ich durch die Nacht zum Bahnhof ging, glänzten die Straßen verdächtig. Und selbst das Zugabteil schimmerte, vielleicht weil ich den Glanz noch an den Schuhen hatte.
Geschafft, schrieb ich. Und etwas Nachglut schickte ich aus wachsender Entfernung. Ich kannte den, der antwortete, als ob wir uns kaum kennten. Der andere, den ich auch kenne, war nicht mehr zu erreichen.
Die Kunst des Hölle zufrieren lassens ist leicht zu erlernen. Man muss nur eisig schweigen können.

Sonne, Foto: de

Merke

Was kein guter literarischer Text ist: Eine konstruierte Geschichte, die um Spurenelemente von eigenen Empfindungen herum aufgebaut wird. Noch schlimmer: Wenn sie um nachempfundene Empfindungen herumkonstruiert ist.

Freiburger Musenstreit

Ein Apollo genüge, sagte der Mann mit hochrotem Kopf. Er war Künstler. Er war in der Kunstkommission. Diese neun Weiber, von einer Frau geschaffen, brauche es nicht. Und was das für Weiber seien! Und wenn schon Musen, dann bräuchten sie einen Führer.

Die Musen sind sich selbst genug, sagte die Künstlerin.

Bettina Eichin, Neun Musen, Bronze, 1985-1991, Foto: de