Kopfsprung, oder: Lob der Distanz

Abstand ist das Gebot der Stunde. Angenehm, wenn einem der Nachbar in der Eisschlange nicht direkt in den Nacken atmet oder in die Hacken tritt. Obwohl der Einmeterfünfzig gewisse Schmelzeigenschaften zu haben scheint. Vor Kurzem noch war deutlich mehr davon da.

Abstand gewinnen. Es gibt also etwas zu gewinnen. Wie groß der Abstand ist oder wie hoch der Gewinn, wird sich noch zeigen müssen. Verlieren kann man dabei leider auch. Auf dem Trockenen sitzen bleiben.

Kurz vor DER Krise (nach der neuen Zeitrechnung), bin ich auf Distanz gegangen. Habe das neue Manuskript zurückgezogen. War wie vom Fünfer springen, wenn man nicht weiß, ob Wasser im Becken ist.

War Wasser drin. Genug zum Abtauchen.

Da unten im Becken habe ich erstmal durchgeatmet. Doch. Echt. Ich war selbst erstaunt, dass das ging. Habe ein- und ausgeatmet und nachgedacht. Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich. So was halt. Corona war auch. Koinzidenz. Manchmal kommt was zusammen.

Da ist mir wieder eingefallen, wie es war im Anfang. Und jetzt? Und immerdar? Streiche den letzten Satz. Nicht mein Satz. War er nicht, ist er nicht und wird er nie sein. Also jetzt. Mir ist wieder eingefallen, warum ich mache, was ich mache. Warum ich es machen wollte und warum ich den Sprung gewagt hatte. Ist ja nicht mein erstes Mal, vom Fünfer, ohne vorher nach dem Wasser zu schauen.

Wenn alles klappt, komme ich im Frühjahr wieder an die Oberfläche. Sehe schon die helleren Wasserschichten.

Kurvendiskussion mit „C“

Es ist wie mit den Fallzahlen, exponentielles Wachstum eben. Freunde mit naturwissenschaftlichem Hintergrund, die sind dieser Tage besonders gefragt, haben mir das Kurvenphänomen inzwischen ausgiebig erklärt. Weil das die normalen Leute doch nicht verstünden. Und die Kulturschaffenden schon gar nicht. Die könnten ja auch nicht rechnen, denn sonst hätten sie sich nie auf so ein Leben eingelassen, bei dem man von der Hand in den Mund lebt, so wie die Maus Frederick, und sich dann wundert, wenn in Krisenzeiten keine Reserven da sind. Hätte man wissen können, Erstauflage 1967, in unserer Generation bereits Kindergartenpflichtlektüre. Aber ist es am Ende nicht Frederick, der den anderen …

Ah, Mist, jetzt ist es schon passiert. Das wollte ich doch vermeiden, über Bücher und Lesen in diesen Zeiten zu schreiben. Lektüreempfehlungen haben Hochkonjunktur, Loblieder auf das Lesen und die Literatur als fast schon in Vergessenheit geratenes Hausmittel, das nun eine so glückliche Renaissance erfährt, erfahren könnte in Corona-Zeiten. Was heißt das eigentlich „Corona-Zeiten“? Ist das wie mit Christi Geburt? Wird es eine Zeit vor und nach Corona geben, A.C., ante coronam, und P.C., post coronam? Und wann fängt denn „nach Corona“ an? Egal, muss ich mal mit J. videotelefonieren, der ist Professor für neuere und neuste Geschichte und hat grad Zeit für Erklärungen. Obwohl, vor ein paar Tagen erschien er mir doch ein bisschen gestresst, weil das ganze Sommersemester jetzt irgendwie online laufen muss. Ich schweife ab. Das passiert, wenn man viel Zeit hat.

Zeit haben wir Schreibenden ja jetzt, noch mehr Zeit als sonst. Zumindest dachten wir das. Kaum zu glauben, dass wir noch nicht einmal drei Wochen in „diesen Zeiten“ leben. Wobei ich wieder über das Datierungsproblem stolpere. Bis wann genau war nochmal „vor Corona“? In meiner Erinnerung gab es irgendwann am gefühlten Anfang ein, zwei Tage des kollektiven Schweigens. War das nach Merkels Fernsehansprache? Als hätte es allen die Sprache verschlagen. Schaurig war das. Und schön. Seitdem konnte man Tag für Tag beobachten, wie die Maschinerie wieder ins Laufen kam.

Jetzt, da sich der erste Schock über die abgesagten Lesungen und Buchmessen gelegt hat, gefolgt von der Aufregung über die verschobenen Bücher, in den Herbst, ins Frühjahr, jetzt, da wir nach einer kurzen Phase der Resignation die Chance in der Krise zu sehen gelernt haben und die Sonne wieder scheint, jetzt richten wir alle unsere Blicke nach draußen und nach innen. Wir sitzen auf unseren Balkonen oder in unseren Gärten, in unseren Arbeitszimmern oder am Küchentisch mit Blick ins Grüne, aufs Nachbarhaus, den Innenhof, die Straße. Und schreiben. Monothematisch. Multimedial.

Wer gleich zu Anfang seine Sprache wiederfand, oder wenigstens irgendeine Sprache, mit der sich schnell ein paar Sätze formulieren ließen, hatte die besten Chancen wahrgenommen zu werden. Und plötzlich ging es steil nach oben, Verdoppelung in fünf, vier, drei Tagen: Corona-Tagebücher, Corona-Romane in Echtzeit, Corona-Gedichte, Corona-Essays, Corona-Online-Theaterstücke. Dabei sein! Du musst dabei sein! Nicht verpassen! Was wirst du sagen, wenn die Nachwelt einst fragt: Was hat du geschrieben als … ?

Langsam wird es eng. Vermutlich wurde inzwischen jeder noch so kleine Teilaspekt von „Corona“ aus jedem erdenklichen Blickwinkel beleuchtet, wurde in alle Richtungen gebunden und frei assoziiert, gedichtet, berichtet, verarbeitet, wurde das Phänomen, das Wort, die Umstände, die Folgen, die Emotionen durchdekliniert, seziert, eingeordnet, illuminiert. Es ist, als hätten alle eine Hausaufgabe bekommen, zu bearbeiten im kollektiven Hausarrest, das Thema für den größten Literaturwettbewerb aller Zeiten.

Höchste Zeit, dass ich auch mal was über Corona schreibe. Bevor die Kurve abflacht.

Zumutungen

Was haben Zumutungen mit Mut zu tun? Da wird etwas an mich herangetragen, da kommt etwas auf mich zu, das meinen Mut herausfordert, das Mut erfordert, etwas, das das Potenzial hat, mir meinen Mut zu nehmen, mich zu entmutigen.

Mutmaßlich entstehen die meisten Zumutungen nicht aus Mutwillen oder Übermut. Manchmal sind sie einfach da, gehören zu den Dingen, die immer schon so waren, immer schon so gemacht wurden, den üblichen Dingen, dem Standardprozedere. Man weiß doch, worauf man sich einlässt! So läuft das. Also hab dich nicht so.

Was folgt?

Unmut vermutlich.

Schriftstellerin, die, Substantiv feminin

Wollte doch etwas über Schriftstellerinnen herausfinden. Habe ein paar getroffen in den letzten einundzwanzig Monaten. Und gelesen. Die lebenden nennen sich fast alle Autorin, wie die männlichen Kollegen sich lieber Autor nennen, aus Bescheidenheit. Eine Demutsgeste, echt oder geheuchelt. Ich dagegen mag den altmodischen Begriff Schriftstellerin, da doch die ganze Berufswahl sowieso eine einzige Anmaßung und Selbstüberschätzung ist. Man hofft, irgendwann einmal etwas zustande zu bringen. Darauf legt man es an, muss man es anlegen. Das kann man dann ruhig auch sagen. Autorinnen machen Texte, Schriftstellerinnen Literatur. Autorinnen machen Texte, und manchmal kommt Literatur dabei heraus. Schriftstellerinnen versuchen sich an der Literatur und meistens scheitern sie. Schriftsteller ist ein Beruf für Versager, sagt ein Kollege. Schriftstellerin auch.

Im Werden oder der stumme Blog

Letzter Eintrag vom März 2018, Leipziger Buchmesse? Ich staune. Zwischen damals und heute liegen drei Messen mehr, Frankfurt, Leipzig, Frankfurt. Was um alles in der Welt ist in den letzten einundzwanzig Monaten passiert? Ich krame in meinem Gedächtnis und blättere im Kalender. Zugegeben, es ist ein elektronischer Kalender, also scrolle ich eher als dass ich blättere, aber blättern klingt eben viel romantischer. Oder darf‘s etwas poetischer sein: Ich blättere in meinem Gedächtnis. Wie auch immer. Die nackten Zahlen finde ich im Kalender und in der Buchhaltung: Sechzehn Veranstaltungen, zwölf bis Dezember 2018, vier danach, plus neun davor. Lebenszyklus eines Buches. Erstauflage fast verkauft. Die nackte Wahrheit finde ich in meiner Korrespondenz: Hiobsbotschaft im Sommer 2018, Verlagsaufgabe. Weißer Ritter und freundliche Übernahme kurz vor knapp im Dezember 2018, und dann doch: Verlagsinsolvenz genau ein Jahr später. Das alte Buch wird heimatlos.

Was wirklich passiert ist: viel geschaut, viel gesehen, viel gesprochen. Begegnungen. Menschen eingesammelt, wichtige. Keine Wichtigtuer und Sichwichtignehmer, nein, wichtige für mich, die mir Relevantes sagen. Klarheit gewonnen, wo ich hinwill und wo eher nicht, wie es gehen kann und was gar nicht geht. Fortschritte im Wesentlichen. Tatsächlich wieder mehr gelesen, alte Helden etwas ernüchtert ins Regal zurückgestellt, neue Heldinnen gefunden. Fast zu oft „Der gute Gott von Manhattan“ angehört und immer wieder zurück zu „Malina“ und den „Frankfurter Poetikvorlesungen“. Über eine andere Dichterin geärgert und sie dann beklaut. Ein bisschen nur.

Mich nicht dagegen gewehrt, als mich mein neues Buch überfiel, zwei Monate Dauerfeuer, später wieder mit mehr Ruhe. Manuskript beim neuen alten Verlag durch die Programmkonferenz. Es kommt. Ende Sommer nächstes Jahr.

Und warum jetzt wieder bloggen? Muss ich denn immer allem auf den Grund gehen …

Heiteres Beruferaten

 

Ich bin jetzt Schriftstellerin. Bin ich jetzt Schriftstellerin?

Irgendwann in der Schule – wahrscheinlich waren wir in der Mittelstufe, aber so genau weiß ich das nicht mehr – fanden unsere Lehrer oder der Lehrplan, dass es eine gute Idee sei, sich mit der Berufswahl eingehender zu beschäftigen. Also fuhren wir ins BiZ, das Berufsinformationszentrum, irgendeines Arbeitsamtes. Das gibt’s übrigens immer noch, wie ich kürzlich in Leipzig bei meiner Lesung im „Job Club“ feststellen durfte.

Im BiZ der 1980er Jahre reihten sich meterweise sauber beschriftete Ordner in alphabetischer Reihenfolge aneinander, darin abgeheftet: Faltblätter zu allen nur erdenklichen Berufen, mit Kurzbeschreibung, erforderlichen Qualifikationen und Verdienstmöglichkeiten. Vermutlich weil sich die Beschreibung wenigstens annäherungsweise mit dem vereinbaren ließ, was mir lag, kopierte ich mir aus einem der letzten Ordner das Faltblatt mit der Überschrift „Redakteur/Redakteurin“. Ich erinnere mich gut an die tröstliche Sicherheit, die von diesen Seiten ausging. Um irgendwann zu sein, was man werden wollte, musste man nur einen Katalog von Punkten erfüllen. Am Ende der Liste, wie nach Vollendung eines Zauberspruchs, war man dann dieses Etwas und damit auch ein Jemand.

Dass es damals auch das Faltblatt „Schriftsteller/Schriftstellerin“ gab, wage ich zu bezweifeln.

Der Brockhaus jedenfalls fasst in aller Kürze zusammen: „Schriftsteller, (berufsmäßiger) Verfasser literarischer Werke.“

Das Lexikon, das übrigens heute noch konsequent nur die männliche Form aufführt, schweigt sich natürlich über erforderliche Qualifikationen und Verdienstmöglichkeiten des Schriftstellers aus. Wikipedia versucht eine Annäherung über die Wortherkunft (die mir als alte Sprachhistorikerin etwas, sagen wir mal, lückenhaft vorkommt) und über eine Art Selbstbild-Fremdbild-Beschreibung. Von Schriften mit literarischem Anspruch ist da die Rede, keinesfalls erschienen im Selbstverlag, von Verkaufszahlen und Rezensionen und von der Möglichkeit, damit „seinen Lebensunterhalt … zu bestreiten“. Ob es sich bei dieser Aufzählung um ein aufeinander aufbauendes System, quasi die vier Grade der Schriftstellerei, handelt?

Wo die Theorie nicht weiterhilft, bedarf es der Empirie. Meine bisherige Feldforschung hat ergeben: Schriftsteller, das sind so betont nachlässig gekleidete Existenzen, die mit jeder sprachlichen Absonderung, die sie in die Welt entlassen, ihren geschliffenen Geist demonstrieren müssen, oder zumindest ihre coole Intellektualität. Das ist die Fortsetzung des Germanistikstudenten mit anderen Mitteln. Manche sind auch einfach nur so Nette (nicht mit der Gedichtform zu verwechseln). Meist sind es Männer in Hemden, ohne Krawatten, mit Sakkos in gedeckten Tönen, eitle Männer mit manikürten Händen, die Rotwein trinken und nach Italien fahren, wie die Redakteure oder Studienräte, die sie auch fast geworden wären. Und Schriftstellerinnen? Fortsetzung folgt.

Läuft und läuft und läuft

Die am häufigsten gestellte Frage an eine Autorin ist nicht etwa die nach dem autobiografischen Anteil des Werks oder ob dies oder das tatsächlich so oder so ähnlich gewesen sei und schon gar nicht die nach einem wie auch immer gearteten ästhetischen oder poetischen Programm, sondern: „Wie lange haben Sie an dem Buch geschrieben?“ Diese Frage kehrt mit einer äußerst zuverlässigen mich inzwischen nicht mehr überraschenden aber noch immer irritierenden Hartnäckigkeit wieder. Neue Lesung, neue Gesichter, alte Frage. Nun gut, es ist ein recht dickes Buch. Da kann man sich schonmal fragen, wie lange … Die Antwort habe ich unterdessen als Mitternachtswissen parat: einundzwanzig Monate, halbtags von neu bis dreizehn Uhr. Ich habe nämlich recherchiert.

Seit kurzem aber – das Ganze setzte so etwa drei Monate nach dem Buchhandlungsauslieferungstermin ein –, scheint sich jeder vor allem für eines brennend zu interessieren: „Wie läuft’s?“

Urs Huber würde natürlich augenzwinkernd, zahnfleischlächelnd und im Staccatoschritt vorbeieilend sagen: „Geht’s gut?“

Jetzt könnte man darauf eine ganze Reihe von möglichen Antworten geben, je nachdem auf was diese kleine, harmlos formulierte Frage so alles abzielt:

Kaufen Menschen das Buch? Kaufen viele Menschen das Buch? Wie finden die Menschen das Buch? Reden Menschen über das Buch? Wird das Buch besprochen? Wird das Buch gut besprochen? Machst du Lesungen? Machst du viele Lesungen? Wie ist die Resonanz bei den Lesungen? Ist der Verlag zufrieden? Bist du zufrieden?

Fühlt sich ein bisschen an wie Quartalsbericht: In einem insgesamt rückläufigen Markt haben sich die Verkaufszahlen des neu eingeführte Produkts im Vergleich zum Vorjahreszeitraum signifikant verbessert. Haha.

Springer auf 1A

Wenn das Laub fällt, wirbelt der Wind durch den großen Literaturwald. Wer jetzt keine Lesungen hat, bekommt keine mehr. Dummerweise sind fast alle warmen Plätzchen schon seit Frühjahr vergeben. Und auf die Debütantinnen hat – anders als bei Wiener Opernball – schon gar keiner gewartet. Wo sich der Laubhaufen für wenige Tage auftürmt, bevor sich die Blätter wieder in alle Winde zerstreuen, ist die Frankfurter Buchmesse.

Vor drei Jahren war ich dort zuletzt – zum ersten Mal überhaupt. Damals bin ich durch die Hallen geschlichen (wo man den Wald vor lauter Bäumen nicht und so weiter) mit dem Kainsmal derer, die möglicherweise ein unaufgefordert erstelltes Manuskript mit sich tragen, auf der Stirn. Dabei hatte ich gerade mal 70 Seiten zu Papier gebracht und keine einzige davon dabei. Mit einer mehrfach falschen Identität – als IT-Beauftragte eines Züricher Kunstbuchverlags – und akribisch vorbereitet mischte ich mich unters Fachpublikum. Wem sollte ich auflauern? Welche Verlage überfallen? Doch wann immer ich mich einem von mir ausgeguckten Stand näherte, schien es von hinter den Büchermauern zu schallen: „Weiche Satan!“ Fallgitter runter, Zugbrücken hoch. Letztlich bin ich ganze drei Attacken geritten, auf kleine Gelegenheitsziele, mit achtbarem Erfolg. Ansonsten verfolgte ich das große Literaturschach vom Spielbrettrand aus, umkreiste die Könige und Türme und blickte neidvoll auf die vielen kleinen Bauern. Könnte ich nicht wenigstens auch so ein kleiner Bauer sein?

Drei Jahre später: Ich nehme demütig zur Kenntnis, dass nicht alle der 20.000 deutschsprachigen Neuerscheinungsautoren in fünf Tagen Buchmesse lesen können, und bin stolz, dass ich als kleines Debütanten-Bäuerlein am Stand von Klöpfer & Meyer mit meinem Roman Spalier stehen werde. Aber dann: Am Tag vor der Messe-Eröffnung klingelt das Handy. Ich mit den Kindern auf dem Weg zur Klavierstunde, aus Autoradio quakt zum fünften Mal hintereinander Wer hat an der Uhr gedreht?, Paulchen, Paulchen, mach doch weiter, jubelt es von der Rückbank, der Herbstregen prasselt, ich fahre kurz rechts ran. Ob ich den Springer machen könne? Eine Stunde Lesung und Gespräch mit einem medialen Großmeister des Feuilletons, im Haus des Buches, Sitz des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Damentausch: Daniela gegen Nina. Die weiße Königin mit ihrer zarten und schrecklichen Geschichte eines nicht gelebten Lebens ist leider krank. Und also spielen wir, Gerwig Epkes vom SWR, der es tatsächlich geschafft hat, meine 384 amüsanten und schrecklichen Seiten über ein falsch gelebtes Leben in drei Tagen oder Nächten zu verschlingen, und ich. Zug um Zug vor den von Nina geborgten Zuschauern, Zuhörern. Ich schicke Dank und Gruß an die weiße Königin und bilanziere: Keiner ist gegangen, keiner ist eingeschlafen, und es gab sogar ein paar verkaufte Exemplare für den Verlag.

Unendliche Weiten

Jetzt ist er also raus, der Roman, und ich versuche aus meiner Schlüssellochperspektive in die weite Welt zu linsen, um zu sehen, wie es ihm wohl so ergeht, dem Sprössling. Ich pilgere zur örtlichen Buchhandlung und schleiche um den kleinen Tisch in der Belletristik-Abteilung. Da liegt es, das Kindlein, zwischen „Unsre Frau in Pjöngjang“ und „Lola“! Moment mal, wusste gar nicht, dass meine Figur Carola „Lola“ Pardus schon ihr eigenes Spin-off-Buch hat … Im Hintergrund grüßt passend  „Der große Wahn“.

Getrieben von der Hoffnung auf Widerhall füttere ich das große schwarze Loch, in dem Harald Klein und seine Kollegen verschwunden sind, mit E-Mails, Social-Media-Posts und  Visitenkärtchen. In meinem Kopf spuken Marketingkennzahlen aus meinem früheren Leben herum – Response-Rate, Conversion-Rate – aber, wenn ich ehrlich bin, dann ist das wohl der Versuch, der irrationalen Erwartung, dass jeder nur auf mein Buch und auf die Gelegenheit, mir mit mehrseitigen Lobpreisungen zu antworten, gewartet hat, eine rationale Erklärung entgegenzusetzen, warum das eben nicht so ist.

Um so feierlicher ist es mir dann zumute, wenn tatsächlich mal ein Lichtstrahl durchs Schlüsselloch fällt. Eine Bekannte schreibt (ganz von allein) von ihrer „Ehrfurcht vor der Wortgewandtheit und dem Wortwitz der Autorin“, ein Freund, der sonst eher zur kritischen Sorte gehört, vermeldet, dass sich das Buch zum echten Pageturner entwickle und obwohl er eigentlich keine Zeit zum Lesen habe, sei er schon auf Seite dreihundertpaarunddreißig …

Ein noch viel größeres Rätsel ist aber, was sich jenseits der von mir persönlich erreichbaren Spähren abspielt? Wie schafft man es über die innersten konzentrischen Familien- , Freundes- und Bekanntenkreise hinaus?

Wie kommt eine Autorin, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, in die unendlichen Weiten des Literaturbetriebs?

Natürlich gibt es eine erfahrene Verlags-Crew, die schon seit Jahren in diesem Universum herumschippert: Captain Klöpfer, erster Offizier Schuska, Kommunikationsoffizier Rieger und Quartiermeister Fecke. Während die allerdings auf der Brücke sitzen, muss ich mich mit den Logbucheinträgen begnügen, die mich gelegentlich erreichen.

Da sind wir schon wieder beim Schlüsselloch, und durch dieses bombardiere ich die Damen vom Verlag mit nahliegenden und abseitigen Vorschlägen, wohin man medial und eventtechnisch noch steuern könnte. Und nebenbei werfe ich ab und zu selbst eine Flaschenpost vom Raumschiff. Nützt’s nichts, so schadet’s doch auch (hoffentlich) nicht.