Ein Traum wird wahr

Vielleicht habt ihr euch ab und zu gefragt, was aus meiner irren Idee geworden ist, meinen gut bezahlten Managementjob zu kündigen, um einen Roman zu schreiben.

Um es im Jargon meines alten Lebens zu sagen: Meilenstein Nummer eins war bereits nach zwei Jahren auf meiner 60%-Stelle als Schriftstellerin erreicht: ein fertiges Manuskript. Und wie es so vollendet vor mir auf dem Bildschirm flimmerte, wollte ich es dann doch auch gedruckt sehen!

Einzige Bedingung: ein „richtiger“ Verlag sollte es sein – kein Self-publishing, kein Druckkostenzuschussverlag, kein Copy-Shop…

Tatsächlich fanden sich nach einer gewissen Durststrecke, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, gleich zwei interessierte ernstzunehmende Verleger. Es wird also wahr: im August oder September erscheint mein Debüt im Herbstprogramm 2017 bei Klöpfer & Meyer mit Sitz in Tübingen.

Und weil ich mich so dolle freue, will ich es in die ganze Welt hinausjauchzen! Zum Glück muss ich mich dafür nicht auf eine Kiste auf dem Freiburger Münsterplatz stellen, denn die Digital-Ureinwohner des Webs haben ja das Bloggen erfunden. Für alle, die sich mit mir freuen wollen oder die sich einfach dafür interessieren, wie das denn nun so geht mit dem Roman, ist dieser Blog.

Heiteres Beruferaten

 

Ich bin jetzt Schriftstellerin. Bin ich jetzt Schriftstellerin?

Irgendwann in der Schule – wahrscheinlich waren wir in der Mittelstufe, aber so genau weiß ich das nicht mehr – fanden unsere Lehrer oder der Lehrplan, dass es eine gute Idee sei, sich mit der Berufswahl eingehender zu beschäftigen. Also fuhren wir ins BiZ, das Berufsinformationszentrum, irgendeines Arbeitsamtes. Das gibt’s übrigens immer noch, wie ich kürzlich in Leipzig bei meiner Lesung im „Job Club“ feststellen durfte.

Im BiZ der 1980er Jahre reihten sich meterweise sauber beschriftete Ordner in alphabetischer Reihenfolge aneinander, darin abgeheftet: Faltblätter zu allen nur erdenklichen Berufen, mit Kurzbeschreibung, erforderlichen Qualifikationen und Verdienstmöglichkeiten. Vermutlich weil sich die Beschreibung wenigstens annäherungsweise mit dem vereinbaren ließ, was mir lag, kopierte ich mir aus einem der letzten Ordner das Faltblatt mit der Überschrift „Redakteur/Redakteurin“. Ich erinnere mich gut an die tröstliche Sicherheit, die von diesen Seiten ausging. Um irgendwann zu sein, was man werden wollte, musste man nur einen Katalog von Punkten erfüllen. Am Ende der Liste, wie nach Vollendung eines Zauberspruchs, war man dann dieses Etwas und damit auch ein Jemand.

Dass es damals auch das Faltblatt „Schriftsteller/Schriftstellerin“ gab, wage ich zu bezweifeln.

Der Brockhaus jedenfalls fasst in aller Kürze zusammen: „Schriftsteller, (berufsmäßiger) Verfasser literarischer Werke.“

Das Lexikon, das übrigens heute noch konsequent nur die männliche Form aufführt, schweigt sich natürlich über erforderliche Qualifikationen und Verdienstmöglichkeiten des Schriftstellers aus. Wikipedia versucht eine Annäherung über die Wortherkunft (die mir als alte Sprachhistorikerin etwas, sagen wir mal, lückenhaft vorkommt) und über eine Art Selbstbild-Fremdbild-Beschreibung. Von Schriften mit literarischem Anspruch ist da die Rede, keinesfalls erschienen im Selbstverlag, von Verkaufszahlen und Rezensionen und von der Möglichkeit, damit „seinen Lebensunterhalt … zu bestreiten“. Ob es sich bei dieser Aufzählung um ein aufeinander aufbauendes System, quasi die vier Grade der Schriftstellerei, handelt?

Wo die Theorie nicht weiterhilft, bedarf es der Empirie. Meine bisherige Feldforschung hat ergeben: Schriftsteller, das sind so betont nachlässig gekleidete Existenzen, die mit jeder sprachlichen Absonderung, die sie in die Welt entlassen, ihren geschliffenen Geist demonstrieren müssen, oder zumindest ihre coole Intellektualität. Das ist die Fortsetzung des Germanistikstudenten mit anderen Mitteln. Manche sind auch einfach nur so Nette (nicht mit der Gedichtform zu verwechseln). Meist sind es Männer in Hemden, ohne Krawatten, mit Sakkos in gedeckten Tönen, eitle Männer mit manikürten Händen, die Rotwein trinken und nach Italien fahren, wie die Redakteure oder Studienräte, die sie auch fast geworden wären. Und Schriftstellerinnen? Fortsetzung folgt.

Läuft und läuft und läuft

Die am häufigsten gestellte Frage an eine Autorin ist nicht etwa die nach dem autobiografischen Anteil des Werks oder ob dies oder das tatsächlich so oder so ähnlich gewesen sei und schon gar nicht die nach einem wie auch immer gearteten ästhetischen oder poetischen Programm, sondern: „Wie lange haben Sie an dem Buch geschrieben?“ Diese Frage kehrt mit einer äußerst zuverlässigen mich inzwischen nicht mehr überraschenden aber noch immer irritierenden Hartnäckigkeit wieder. Neue Lesung, neue Gesichter, alte Frage. Nun gut, es ist ein recht dickes Buch. Da kann man sich schonmal fragen, wie lange … Die Antwort habe ich unterdessen als Mitternachtswissen parat: einundzwanzig Monate, halbtags von neu bis dreizehn Uhr. Ich habe nämlich recherchiert.

Seit kurzem aber – das Ganze setzte so etwa drei Monate nach dem Buchhandlungsauslieferungstermin ein –, scheint sich jeder vor allem für eines brennend zu interessieren: „Wie läuft’s?“

Urs Huber würde natürlich augenzwinkernd, zahnfleischlächelnd und im Staccatoschritt vorbeieilend sagen: „Geht’s gut?“

Jetzt könnte man darauf eine ganze Reihe von möglichen Antworten geben, je nachdem auf was diese kleine, harmlos formulierte Frage so alles abzielt:

Kaufen Menschen das Buch? Kaufen viele Menschen das Buch? Wie finden die Menschen das Buch? Reden Menschen über das Buch? Wird das Buch besprochen? Wird das Buch gut besprochen? Machst du Lesungen? Machst du viele Lesungen? Wie ist die Resonanz bei den Lesungen? Ist der Verlag zufrieden? Bist du zufrieden?

Fühlt sich ein bisschen an wie Quartalsbericht: In einem insgesamt rückläufigen Markt haben sich die Verkaufszahlen des neu eingeführte Produkts im Vergleich zum Vorjahreszeitraum signifikant verbessert. Haha.

Springer auf 1A

Wenn das Laub fällt, wirbelt der Wind durch den großen Literaturwald. Wer jetzt keine Lesungen hat, bekommt keine mehr. Dummerweise sind fast alle warmen Plätzchen schon seit Frühjahr vergeben. Und auf die Debütantinnen hat – anders als bei Wiener Opernball – schon gar keiner gewartet. Wo sich der Laubhaufen für wenige Tage auftürmt, bevor sich die Blätter wieder in alle Winde zerstreuen, ist die Frankfurter Buchmesse.

Vor drei Jahren war ich dort zuletzt – zum ersten Mal überhaupt. Damals bin ich durch die Hallen geschlichen (wo man den Wald vor lauter Bäumen nicht und so weiter) mit dem Kainsmal derer, die möglicherweise ein unaufgefordert erstelltes Manuskript mit sich tragen, auf der Stirn. Dabei hatte ich gerade mal 70 Seiten zu Papier gebracht und keine einzige davon dabei. Mit einer mehrfach falschen Identität – als IT-Beauftragte eines Züricher Kunstbuchverlags – und akribisch vorbereitet mischte ich mich unters Fachpublikum. Wem sollte ich auflauern? Welche Verlage überfallen? Doch wann immer ich mich einem von mir ausgeguckten Stand näherte, schien es von hinter den Büchermauern zu schallen: „Weiche Satan!“ Fallgitter runter, Zugbrücken hoch. Letztlich bin ich ganze drei Attacken geritten, auf kleine Gelegenheitsziele, mit achtbarem Erfolg. Ansonsten verfolgte ich das große Literaturschach vom Spielbrettrand aus, umkreiste die Könige und Türme und blickte neidvoll auf die vielen kleinen Bauern. Könnte ich nicht wenigstens auch so ein kleiner Bauer sein?

Drei Jahre später: Ich nehme demütig zur Kenntnis, dass nicht alle der 20.000 deutschsprachigen Neuerscheinungsautoren in fünf Tagen Buchmesse lesen können, und bin stolz, dass ich als kleines Debütanten-Bäuerlein am Stand von Klöpfer & Meyer mit meinem Roman Spalier stehen werde. Aber dann: Am Tag vor der Messe-Eröffnung klingelt das Handy. Ich mit den Kindern auf dem Weg zur Klavierstunde, aus Autoradio quakt zum fünften Mal hintereinander Wer hat an der Uhr gedreht?, Paulchen, Paulchen, mach doch weiter, jubelt es von der Rückbank, der Herbstregen prasselt, ich fahre kurz rechts ran. Ob ich den Springer machen könne? Eine Stunde Lesung und Gespräch mit einem medialen Großmeister des Feuilletons, im Haus des Buches, Sitz des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Damentausch: Daniela gegen Nina. Die weiße Königin mit ihrer zarten und schrecklichen Geschichte eines nicht gelebten Lebens ist leider krank. Und also spielen wir, Gerwig Epkes vom SWR, der es tatsächlich geschafft hat, meine 384 amüsanten und schrecklichen Seiten über ein falsch gelebtes Leben in drei Tagen oder Nächten zu verschlingen, und ich. Zug um Zug vor den von Nina geborgten Zuschauern, Zuhörern. Ich schicke Dank und Gruß an die weiße Königin und bilanziere: Keiner ist gegangen, keiner ist eingeschlafen, und es gab sogar ein paar verkaufte Exemplare für den Verlag.

Unendliche Weiten

Jetzt ist er also raus, der Roman, und ich versuche aus meiner Schlüssellochperspektive in die weite Welt zu linsen, um zu sehen, wie es ihm wohl so ergeht, dem Sprössling. Ich pilgere zur örtlichen Buchhandlung und schleiche um den kleinen Tisch in der Belletristik-Abteilung. Da liegt es, das Kindlein, zwischen „Unsre Frau in Pjöngjang“ und „Lola“! Moment mal, wusste gar nicht, dass meine Figur Carola „Lola“ Pardus schon ihr eigenes Spin-off-Buch hat … Im Hintergrund grüßt passend  „Der große Wahn“.

Getrieben von der Hoffnung auf Widerhall füttere ich das große schwarze Loch, in dem Harald Klein und seine Kollegen verschwunden sind, mit E-Mails, Social-Media-Posts und  Visitenkärtchen. In meinem Kopf spuken Marketingkennzahlen aus meinem früheren Leben herum – Response-Rate, Conversion-Rate – aber, wenn ich ehrlich bin, dann ist das wohl der Versuch, der irrationalen Erwartung, dass jeder nur auf mein Buch und auf die Gelegenheit, mir mit mehrseitigen Lobpreisungen zu antworten, gewartet hat, eine rationale Erklärung entgegenzusetzen, warum das eben nicht so ist.

Um so feierlicher ist es mir dann zumute, wenn tatsächlich mal ein Lichtstrahl durchs Schlüsselloch fällt. Eine Bekannte schreibt (ganz von allein) von ihrer „Ehrfurcht vor der Wortgewandtheit und dem Wortwitz der Autorin“, ein Freund, der sonst eher zur kritischen Sorte gehört, vermeldet, dass sich das Buch zum echten Pageturner entwickle und obwohl er eigentlich keine Zeit zum Lesen habe, sei er schon auf Seite dreihundertpaarunddreißig …

Ein noch viel größeres Rätsel ist aber, was sich jenseits der von mir persönlich erreichbaren Spähren abspielt? Wie schafft man es über die innersten konzentrischen Familien- , Freundes- und Bekanntenkreise hinaus?

Wie kommt eine Autorin, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, in die unendlichen Weiten des Literaturbetriebs?

Natürlich gibt es eine erfahrene Verlags-Crew, die schon seit Jahren in diesem Universum herumschippert: Captain Klöpfer, erster Offizier Schuska, Kommunikationsoffizier Rieger und Quartiermeister Fecke. Während die allerdings auf der Brücke sitzen, muss ich mich mit den Logbucheinträgen begnügen, die mich gelegentlich erreichen.

Da sind wir schon wieder beim Schlüsselloch, und durch dieses bombardiere ich die Damen vom Verlag mit nahliegenden und abseitigen Vorschlägen, wohin man medial und eventtechnisch noch steuern könnte. Und nebenbei werfe ich ab und zu selbst eine Flaschenpost vom Raumschiff. Nützt’s nichts, so schadet’s doch auch (hoffentlich) nicht.

In Zeiten des Umbruchs

Mit dem Umbruch brechen neue Zeiten an: Verwandlung durch Formgebung, Evolution mit Quantensprung (der in seiner physikalischen Ursprungsbedeutung bei weitem nicht groß ist, wie uns unsere Freunde aus dem Marketing weismachen wollen, dafür umso bemerkenswerter). Text wird zum Buch, bekommt sein Medium, reiht sich ein in die 20.000 belletristischen Neuerscheinungen des Jahres. Damit könnte man eine Bücherschlange vom Siegesdenkmal bis zum Martinstor bauen, die ganze Kaiser-Joseph-Straße entlang.

Mit der äußeren Verwandlung geht eine innere Distanzierung einher, ein Befremden, das noch verstärkt wird durch immer neue Korrekturleserunden, die sich wie konzentrische Kreise verengen, in denen der Sinnzusammenhang zusammenschnurrt auf das Schriftbild einzelner Wörter bis hin zum Einzelzeichen. Der Bleistift fährt die Zeilenenden entlang und stammelt Dadaistisches:

etwas zum Harald Hände üppigen und hin- war nicht gehauen – deutete traum- tat war. auf und der kurz blick- Augen Glaubens- professio- Konzernleitungsbau.

Wiederholung bis zur Bedeutungsentleerung. Am Ende kann man Richtig nicht mehr von Falsch unterscheiden. Höchste Zeit, den völlig zerlesenen Text loszulassen. Jetzt muss er raus, nur noch raus, egal wie! Im Geburtskanal gibt es bloß eine Richtung. Allerdings heißt es drucken statt pressen. Den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen!

Mit etwas Abstand wird sich hoffentlich schon zeigen, dass etwas Ordentliches dabei herausgekommen ist. Die Erfahrung stimmt mich zuversichtlich: Wie schrecklich ungenügend fand ich am Ende meine Doktorarbeit, aber als ich sie nach zehn Jahren einmal wieder zur Hand nahm, war ich höchst erstaunt, dass ich jemals so etwas Gelehrtes von mir gegeben hatte. Oder war ich das gar nicht?

Versuch über den Lektor

Lek⋅tor, plural: Lek⋅to⋅ren, weibliche Form: Lek⋅to⋅rin – ein Wesen mit proteischen Qualitäten.

In seiner ersten, fernen Gestalt trat er mir als der Cherub des Verlagsparadieses entgegen, der mit seinem lodernden Flammenschwert turmhohe Papierstapel in Aschehäufchen verwandelt. Gerüchte gingen um unter denen, die unermüdlich ihre Manuskripte diesem Feuer zum Fraß vorwerfen: Du musst Schreibseminare belegen, du musst dich an Literaturwettbewerben beteiligen, dort kannst du ihn treffen, den Lektor, in menschenähnlicher Gestalt.

Vorlektorat

Und dann kam der Tag, an dem ich ihm zum ersten Mal begegnete – in der Gestalt des Hoffnungsträgers an einem nüchternen Konferenztisch. Er sollte mich loben und preisen, sollte meinem Werk das tiefste Verständnis entgegenbringen, sollte sich für jedes Detail interessieren, sollte kluge Kritik üben, aber bitte nur gerechtfertigte und nachvollziehbare.

In dieser Situation zwischen Jobinterview, Parship-Date und arrangierter Hochzeit hat der Lektor das Zeug zur ersten allgemeinen Verunsicherung.

Warum schreiben Sie die ganze Geschichte nicht einfach in der ersten Person? Ja, warum nicht? Weil ich mich schon vor 300 Seiten dagegen entschieden habe. Denken Sie über die Spannungsbögen nach. Da könnte mal ein schönes Buch draus werden. Und was ist es jetzt? Ein Steinbruch, eine Materialsammlung, ein grober Entwurf? Lautliche Assoziationen drängen sich auf: Lektor, leck schlagen, leck mich … Voilà, hier ist er in seiner wertvollsten Gestalt: als Advokatus Diaboli. Danke. Voller Ernst.

Feinlektorat

Da wandelte sich das Wesen wieder, nicht nur in Person und Geschlecht. Sie war die Rechtschreibfüchsin, Kommafresserin und Konsistenzpäpstin, die Leitwölfin aller Korrekturleser, Nochmalleser, Undnochmalleser. Durch das Gewitter des Vorlektorats gestählt, war ich auf alles gefasst, allein die gröberen Einschläge blieben aus.

Noch rätsle ich, ob der gute Advokatus D. einfach ganze Arbeit geleistet hat, oder ob da noch Dinge sind, die besser nicht so geblieben wären …

 

 

Coverstory

Neulich bei einem Bekannten, der seit nicht allzu langer Zeit Inhaber eines Weinguts ist, saßen wir am Tisch und drehten Flaschen. Nein, nicht dieses Teenager-Spiel … Wir drehten seine Flaschen hin und her und sinnierten über die Etiketten. Er will sie nämlich ändern.

Sie sollen ausdrücken, wofür das Weingut steht, aus der Menge herausstechen und doch die Weine als Vertreter einer bestimmten Qualitätsklasse erkennbar machen. So weit, so gut, wäre da nicht noch die vermaledeite Geschmacksfrage. Bezüglich Etikett, meine ich.

Find ich schön, find ich blöd, find ich gut, find ich grässlich … ich mein ja nur … geht gar nicht … ich würd’s aber so und so machen!

Fragt man drei Leute, bekommt man vier Antworten. Mindestens. Fragt man dreißig oder dreihundert oder dreitausend schärft sich das Bild. Aber das wäre dann schon Marktforschung, und Marktforschung ist was für Großkonzerne. Genauso wie professionelles Branding. Die meisten anderen greifen doch lieber aufs persönliche Bauchgefühl zurück.

Und Autoren erst recht! Wollt Ihr mal meine selbst zusammengestümperten Entwürfe fürs Buchcover sehen? Wahre Paradebeispiele für „ich hab da mal so eine Idee“, aber leider alle daneben, irgendwo zwischen Münsterblatt und Uni-Taschenbuch:

Was dann ein echter Profi wie Christiane Hemmerich draus gemacht hat, dafür gibts nur ein Wort: Hammergeil!

Blurbs vom Blockbuster

Ich spiele ja nicht gerne. Aber es gibt eine Ausnahme: das lustige Gesellschaftsspiel Tabu, bei dem man Begriffe beschreiben muss, ohne bestimmte Wörter zu verwenden.

Nehmen wir mal an, ein berühmter Schriftsteller hätte sich wohlwollend über mein Roman-Manuskript geäußert, aber ich dürfte auf keinen Fall verraten, was er gesagt hat, weil nach Angaben des berühmten Verlags der Mann „grundsätzlich keine Blurbs zu anderen Büchern abgibt“. Stellen wir uns weiter vor, dass mir dieser Mann jüngst auf der Leipziger Buchmesse sehr freundlich lächelnd abermals erklärt hätte, dass er sich sehr wohl erinnere und dass das Projekt ihm sehr wohl gefallen habe.

Achtung: Tabu! Leider verloren.

Und jetzt noch eine Quizfrage: Was ist der Unterschied zwischen einem Deutschen und einem Amerikaner auf Entzug? Wo der eine „weiße Mäuse“  sieht, sieht der andere pink elephants. Daraus kann man jetzt zum Beispiel einen Roman machen, in dem echte rosa Elefanten und echte Alkoholiker auftauchen. Echt.

 

Spieglein, Spieglein

Schreiben ist eine schöne künstlerische Tätigkeit, weil man dabei selbst nur sehr mittelbar in Erscheinung tritt. Bis zu dem Tag, an dem der Verleger sagt, er bräuchte da mal ein Foto für den Verlagskatalog und für die Pressearbeit und überhaupt.

Also erstmal die eigene Foto-Library durchforstet und festgestellt, dass ich auf den 10.000 Bildern der letzten zwei Jahre gerade mal 100 mal zu sehen bin, davon zu 98% mit mindestens einem Kind im Schlepptau. OK.

Bevor ich zu sehr ins Grübeln gerate, was das über mein gegenwärtiges Leben aussagt, schnell drangesetzt und recherchiert, wie sich denn die anderen Schneewittchen hinter den sieben Bergen so präsentieren.

Es treten auf: das bedeutungsschwangere Schwarz-weiß-Klischee mit in die Ferne schweifendem Blick, die Hipsterin in ihrem urbanen Habitat (das muss doch Berlin sein, mindestens?), gerne auch im total angesagten Depri-Look. Ganz beliebt auch: die Hand im Gesicht – unter dem Kinn, an der Wange, einhändig oder beidhändig. Und nicht nur im Self-publisher-Bereich zu finden: mit den Insignien der Schriftstellerei ausgestattete Geschöpfe, vor dem Bücherregal, hinter der Schreibmaschine oder gleich mit dem Füller in der Hand.

Für einen Moment überlege ich, ob es vielleicht cool wäre, mich mit Hammer, Meißel und Marmorplatte ablichten zu lassen, verwerfe den Gedanken aber als unauthentisch…

Eine Dame aus den vorderen Reihen der deutschen Autorenschar erregt meine besondere Aufmerksamkeit. Nicht nur die erkleckliche Menge an Anschauungsmaterial, das es von ihr gibt, macht sie zu einem interessanten Studienobjekt. Mir fällt auf, dass sie fast auf jedem Foto die verschiedensten Abstufungen von Blau trägt, wegen der Augenfarbe, klar. Ich muss lächeln, denn mein Held Harald macht das ganz genauso… Aber es geht noch besser: das Cover ihres neusten Buches und das Design der dazugehörigen Webseite – alles blau, bläulich, verblaut, eingebläut.

Mir gegenüber sitzt Anja Limbrunner, die sensationelle Porträtfotos machen kann, und lächelt auch, allerdings eher still in sich hinein, während sie geduldig meinen Ausführungen über an die Wand gestellte Menschen – wahlweise vor Sichtbeton, groben Holzbrettern oder Natursein – lauscht.

Und was soll ich bloß anziehen, das neue rostrote Kleid? Aber sehe ich darin nicht zu blass aus? Und wäre was Blaues nicht doch besser, schon wegen der Augen? Und ich muss unbedingt zum Frisör. Und zur Kosmetikerin, wo ich zuletzt und zum ersten Mal kurz nach meinem 40. Geburtstag war, weil mir wohlmeinende Freunde einen Gutschein zukommen ließen. Natürlich muss ich viel schlafen, keinen Alkohol trinken…

Und dann sagt sie: „Der Hintergrund und das Drumherum ist eigentlich egal. Es geht um deine Persönlichkeit.“

Ach du blaue Neune, denke ich. Was, wenn sich in bester Dorian-Gray-Manier mein Inneres nach außen kehrt? Will das jemand sehen? Oder noch schlimmer, will ich, dass das jemand sieht?


Foto: Anja Limbrunner