{"id":836,"date":"2026-08-03T13:18:15","date_gmt":"2026-08-03T11:18:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/?p=836"},"modified":"2026-08-03T20:13:05","modified_gmt":"2026-08-03T18:13:05","slug":"warum-ich-kein-eisbaer-sein-will-anfang-eines-versuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/warum-ich-kein-eisbaer-sein-will-anfang-eines-versuch\/","title":{"rendered":"Warum ich (k)ein Eisb\u00e4r sein will &#8211; Anfang eines Versuch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Eisb\u00e4ren stehen, sitzen, liegen auf ihren angestammten Eisschollen. Eisb\u00e4ren sind schwergewichtig, sie brauchen Platz. Seit geraumer Zeit werden die Eisschollen immer kleiner. Die Lebensgrundlage schmilzt den Eisb\u00e4ren unter dem Arsch weg. Viele der Eisb\u00e4ren auf den Schollen sind in die Jahre gekommen. Ab und zu wird einer der zunehmend zahnlosen B\u00e4ren \u00fcber Bord geschubst. Das ist bedauerlich, aber notwendig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>F\u00fcr neue Eisb\u00e4ren, die auf der Suche nach festem Untergrund im Polarmeer herumschwimmen, wird es eng. Wenn einer auf die rettende Eisscholle will, muss er sich was anh\u00f6ren: Sie sind ein sch\u00f6ner Eisb\u00e4r, hei\u00dft es dann. Es kommen heutzutage nicht mehr viele so sch\u00f6ne Eisb\u00e4ren wie Sie vorbei. Aber leider haben wir kaum Platz auf unserer Scholle \u2013 Sie sehen ja, die wird kleiner und kleiner, da m\u00fcssen wir schauen. Und f\u00fcr die wenigen L\u00fccken, die sich gelegentlich ergeben, suchen wir etwas anderes. Vielleicht etwas Kleineres, Leichteres. Schwer zu sagen. Schwimmen Sie doch bitte weiter. Verstehen Sie, Sie w\u00fcrden die Scholle zum Kentern bringen. H\u00e4tte keiner was davon. Bestimmt finden Sie woanders einen Platz. So ein sch\u00f6ner Eisb\u00e4r wie Sie! Viel Gl\u00fcck.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tiere gehen immer. Wenn Sie Aufmerksamkeit erregen wollen, sollten Sie ein Tier sein. Wenn Sie auf Mitgef\u00fchl aus sind, sollten Sie ein Tier sein. Ein Tier sollten Sie auch sein, wenn Sie Ziel kopfloser Rettungsaktionen werden wollen. Immerhin k\u00f6nnen Sie dann sicher sein, dass versucht wird, Sie zu retten, was andernfalls nicht so w\u00e4re, also wenn Sie zum Beispiel ein Mensch w\u00e4ren. Wenn Sie&nbsp;das Primat des \u00f6konomischen Prinzips&nbsp;und der damit einhergehenden Rationalit\u00e4t au\u00dfer Kraft setzen wollen, was ungef\u00e4hr so schwer ist wie die Naturgesetze au\u00dfer Kraft zu setzen, sollten Sie ein Tier sein. Am besten ein S\u00e4ugetier.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin ein Eisb\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war ich schon immer. Nur wusste ich es nicht. Jetzt, wo ich es endlich wei\u00df, habe ich ein Problem. Mindestens eins.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich versuche, es Ihnen zu erkl\u00e4ren, wenn Sie mir folgen wollen. Auch wenn es vielleicht eher so ist, dass ich mir die Probleme selbst zu erkl\u00e4ren versuche. Erkl\u00e4ren im Sinne von Klarheit gewinnen, ergr\u00fcnden, also Gr\u00fcnde suchen und sie dann sortieren, in Gr\u00fcnde, die etwas mit mir zu tun haben, und Gr\u00fcnde, die au\u00dferhalb von mir liegen. Ich sp\u00fcre die Notwendigkeit, das halbwegs sauber getrennt zu halten, auch wenn ich jetzt schon ahne, dass mir gelegentlich das eine ins andere flie\u00dfen wird. Darum, wer an was schuld ist, geht es mir nicht. Mit dem Begriff Schuld kann ich nicht viel anfangen. Aber mich interessiert, wer oder was welchen Anteil an dem hat, wof\u00fcr mir kein anderes Wort einf\u00e4llt als: Misere.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist also ein Elend. Irgendein Elend ist immer, war immer \u2013 und des einen Elend ist des anderen Gl\u00fccksseligkeit. Es kann hier nur um mein pers\u00f6nliches Elend gehen und das Elend der Eisb\u00e4ren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es liegt mir fern, das Zeitalter der Eisb\u00e4ren als Stufe einer Entwicklung darzustellen, weder als h\u00f6chste Stufe, noch als letzte. Ich glaube nicht an die Erz\u00e4hlung vom Fortschritt und halte Begriffe wie&nbsp;Verfall, Niedergang, Untergang f\u00fcr wenig brauchbar.&nbsp;Es sei denn, man ist auf Polemik aus und die Sprecherabsicht ist nicht Erkenntnis, sondern Vernichtung. Ich tue mich auch schwer mit ontologischen Systemen, kann nicht glauben, dass es ein \u201eDing an sich\u201c gibt oder das absolut Gute oder Schlechte, an dem sich \u201ebesser\u201c und \u201eschlechter\u201c orientieren k\u00f6nnte. Mir leuchten eher ein: die Unsch\u00e4rfe der Welt, und dass es eben irgendwie funktioniert. Wozu ich mich gerade noch versteigen kann, ist die Annahme:&nbsp;fr\u00fcher war es anders schlecht, aber besser f\u00fcr Eisb\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anspruch auf Allgemeing\u00fcltigkeit meiner Beobachtungen, an deren Ende vielleicht eine Erkenntnis steht, erhebe ich nicht, auch nicht auf ein Expertentum, das so tut, als gehe es \u00fcber die eigene Erfahrung und das, was ich \u00fcber Dritte oder von Dritten gelernt habe, hinaus. Ich w\u00e4hle bewusst die literarische Form des Versuchs.&nbsp;Literatur ist immer mit dem Einzelfall befasst, in dem sich, wenn es gut l\u00e4uft, oft mehr vom Ganzen zeigt, als wenn man gleich aufs Ganze zielt.&nbsp;Das ist einer der Gr\u00fcnde, wenn nicht der Hauptgrund, weshalb ich mit \u201edem Schreiben\u201c \u00fcberhaupt angefangen habe. Sich schreibend klar oder zumindest klarer werden \u00fcber die eignen Annahmen \u00fcber die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was meine ich, wenn ich \u201eWelt\u201c sage? Die Menschen und ihre mannigfaltigen Beziehungen. Was anderes macht unsere, meine, Ihre Welt aus? Immer geht alles zur\u00fcck auf den Menschen, der sich zu anderen Menschen oder Dingen oder Ideen in Bezug setzt, niemand kann sich selbst und seiner Perspektive entkommen, da hilft auch keine journalistische Neutralit\u00e4t und keine wissenschaftliche Objektivit\u00e4t (und \u00fcbrigens auch kein Nature Writing. Ich bin zwar ein Eisb\u00e4r, aber wie der reale&nbsp;<em>Ursus maritimus<\/em>&nbsp;seine Welt wahrnimmt, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen). Objektivit\u00e4t (oder meine ich Redlichkeit?) im Sinne von sich gewahr bleiben, dass immer auch andere Perspektiven eingenommen werden k\u00f6nnen, neue Informationen dazukommen, die Gegebenheiten sich \u00e4ndern und man nie fertig ist mit dem Wahrnehmen, taugt als Fernziel, als Kompass, als Anspruch. Wie der Horizont r\u00fcckt dieses Ziel immer wieder in die Ferne, egal, wie lang man darauf zuh\u00e4lt; wichtig ist, dass man das wei\u00df und seinen Kurs, egal wie sehr man zwischendurch ins Schlingern ger\u00e4t, immer wieder darauf ausrichtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich will mir klar werden \u00fcber meine urspr\u00fcnglichen Annahmen \u00fcber \u201edas Schreiben\u201c und sie mit meinen Beobachtungen und Erfahrungen der letzten zehn, zw\u00f6lf Jahre abgleichen, Schritt f\u00fcr Schritt: Annahme, Realit\u00e4tscheck, Korrektur, neue Annahme, und so weiter mit zunehmender Erfahrungsdichte.&nbsp;Was mich umtreibt, ist die H\u00f6llenangst vor der finalen Korrektur, die man \u201eScheitern\u201c nennt.&nbsp;Eine Art Todesangst. Das Schicksal des Eisb\u00e4ren ist das Aussterben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe mir vorgenommen, mich auf die von mir einnehmbaren Perspektiven (ja, Plural) zu beschr\u00e4nken. Selbstredend sieht ein Eisberg aus jedem Blickwinkel anders aus und es mag Menschen in diesen Polargegenden geben, die \u00fcberall Zeichen der Hoffnung sehen. Wenn Sie in 10.000 Metern Flugh\u00f6he mit 900 Stundenkilometern \u00fcber Gr\u00f6nland rasen, ist die Eisfl\u00e4che unter ihnen nichts anderes als sch\u00f6n und der Gedanke an den Klimawandel erscheint abstrus, Sie sehen es doch mit eigenen Augen: das ewige Eis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>To be continued. For my eyes only. Probably.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/C03a-Rueckflug_IMG_8907-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-840\" srcset=\"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/C03a-Rueckflug_IMG_8907-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/C03a-Rueckflug_IMG_8907-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/C03a-Rueckflug_IMG_8907-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/C03a-Rueckflug_IMG_8907-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/C03a-Rueckflug_IMG_8907-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Gr\u00f6nland, Foto de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Eisb\u00e4ren stehen, sitzen, liegen auf ihren angestammten Eisschollen. 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