{"id":75,"date":"2017-03-12T19:28:41","date_gmt":"2017-03-12T19:28:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.daniela-engist.de\/?p=75"},"modified":"2018-05-13T21:38:42","modified_gmt":"2018-05-13T19:38:42","slug":"spieglein-spieglein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/spieglein-spieglein\/","title":{"rendered":"Spieglein, Spieglein"},"content":{"rendered":"<p>Schreiben ist eine sch\u00f6ne k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit, weil\u00a0man dabei selbst nur sehr mittelbar in Erscheinung tritt. Bis zu dem Tag, an dem der Verleger sagt, er br\u00e4uchte da mal ein Foto f\u00fcr den Verlagskatalog und f\u00fcr die Pressearbeit und \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Also erstmal die eigene Foto-Library durchforstet und festgestellt, dass ich auf den 10.000 Bildern der letzten zwei Jahre gerade mal 100 mal zu sehen bin, davon zu 98% mit mindestens einem\u00a0Kind im Schlepptau. OK.<\/p>\n<p>Bevor ich zu sehr ins Gr\u00fcbeln gerate, was das \u00fcber mein gegenw\u00e4rtiges Leben aussagt, schnell drangesetzt und recherchiert, wie sich denn die anderen Schneewittchen hinter den sieben Bergen so\u00a0pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Es treten auf: das bedeutungsschwangere Schwarz-wei\u00df-Klischee mit in die Ferne schweifendem Blick, die Hipsterin in ihrem urbanen Habitat (das muss doch Berlin sein, mindestens?), gerne auch im total angesagten Depri-Look. Ganz beliebt auch: die Hand im Gesicht \u2013\u00a0unter dem Kinn, an der Wange, einh\u00e4ndig oder beidh\u00e4ndig. Und nicht nur im Self-publisher-Bereich zu finden: mit den Insignien der Schriftstellerei ausgestattete Gesch\u00f6pfe, vor dem B\u00fccherregal, hinter der Schreibmaschine oder gleich mit dem F\u00fcller in der Hand.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">F\u00fcr einen Moment \u00fcberlege ich, ob es vielleicht cool w\u00e4re, mich mit Hammer, Mei\u00dfel und Marmorplatte ablichten zu lassen, verwerfe den Gedanken aber als unauthentisch&#8230;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Eine Dame aus den vorderen\u00a0Reihen der deutschen Autorenschar erregt meine besondere Aufmerksamkeit. Nicht nur die\u00a0erkleckliche Menge an Anschauungsmaterial, das es von ihr gibt, macht sie zu einem interessanten Studienobjekt. Mir f\u00e4llt auf, dass sie fast auf jedem Foto die verschiedensten Abstufungen von Blau tr\u00e4gt, wegen der Augenfarbe, klar.\u00a0Ich muss l\u00e4cheln, denn mein Held Harald macht das ganz genauso&#8230;\u00a0Aber es geht noch besser: das Cover ihres neusten Buches und das Design der dazugeh\u00f6rigen Webseite \u2013\u00a0alles blau, bl\u00e4ulich, verblaut, eingebl\u00e4ut.<\/p>\n<p>Mir gegen\u00fcber sitzt Anja Limbrunner, die sensationelle <a href=\"http:\/\/www.anja-limbrunner.de\/portrait\/\">Portr\u00e4tfotos<\/a> machen kann, und l\u00e4chelt auch, allerdings eher still in sich hinein, w\u00e4hrend sie geduldig meinen Ausf\u00fchrungen\u00a0\u00fcber an die Wand gestellte Menschen \u2013\u00a0wahlweise vor Sichtbeton, groben Holzbrettern oder Natursein \u2013\u00a0lauscht.<\/p>\n<p>Und was soll ich blo\u00df anziehen,\u00a0das neue rostrote Kleid? Aber sehe ich darin nicht zu blass aus? Und w\u00e4re was Blaues nicht doch besser, schon wegen der Augen? Und ich muss unbedingt\u00a0zum Fris\u00f6r. Und zur Kosmetikerin, wo ich zuletzt und zum ersten Mal kurz nach meinem 40. Geburtstag war, weil mir wohlmeinende Freunde einen Gutschein zukommen lie\u00dfen. Nat\u00fcrlich muss ich viel schlafen, keinen Alkohol trinken&#8230;<\/p>\n<p>Und dann sagt sie: &#8222;Der Hintergrund und das Drumherum ist eigentlich egal. Es geht um deine Pers\u00f6nlichkeit.&#8220;<\/p>\n<p>Ach du blaue Neune, denke ich. Was, wenn sich in bester Dorian-Gray-Manier mein Inneres nach au\u00dfen kehrt? Will das jemand sehen? Oder noch schlimmer, will ich, dass das jemand\u00a0sieht?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-206\" src=\"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Blog-Spieglein-Daniela-Engist.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Blog-Spieglein-Daniela-Engist.jpg 600w, https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Blog-Spieglein-Daniela-Engist-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Blog-Spieglein-Daniela-Engist-300x300.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><br \/>\nFoto: Anja Limbrunner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreiben ist eine sch\u00f6ne k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit, weil\u00a0man dabei selbst nur sehr mittelbar in Erscheinung tritt. 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