{"id":670,"date":"2024-03-24T15:39:06","date_gmt":"2024-03-24T14:39:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/?p=670"},"modified":"2024-03-24T15:39:06","modified_gmt":"2024-03-24T14:39:06","slug":"transatlantischer-dialog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/transatlantischer-dialog\/","title":{"rendered":"Transatlantischer Dialog\u00a0"},"content":{"rendered":"\n<p>Alles beginnt mit einer Entt\u00e4uschung. Von Kopenhagen \u00fcber Paris kommend, \u00fcberm\u00fcdet und hungrig, zerrt ein junger Amerikaner seinen Rucksack aus dem Zug. Endlich, denk er. Endlich am Ziel. Z\u00fcrich ist die einzige Schweizer Station auf seiner Interrailreise durch Europa. Wo sollte man auch sonst hingehen in der Schweiz? Was war das \u00fcberhaupt f\u00fcr ein Land? Ein Stecknadelk\u00f6pfchen auf der Landkarte. \u00bbEs hat eine Weile gedauert, bis mein Gehirn realisierte, was da auf dem Schild am Bahnsteig stand\u00ab, sagt Marty. \u00bbBasel. Was zur H\u00f6lle war Basel? Ich war stinksauer.\u00ab&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Marty grinst. Er sitzt auf meinem Schreibtisch. Genau genommen, sitzt er an seinem Schreibtisch in New York, sein Brustbild schwebt auf meinem Bildschirm. Bei ihm scheint die Septembersonne ins Zimmer, bei mir in Freiburg ist es schon dunkel, in meinem Arbeitszimmer brennt Licht. In unserer gemeinsamen aktiven Zeit bei Roche war Videotelefonie noch eine aufwendige Sache, die in eigens eingerichteten Konferenzr\u00e4umen mit teurer Technik stattfand und f\u00fcrs oberste Management des Konzerns reserviert war. Das mittelobere Fu\u00dfvolk musste sich mit Telefonkonferenzen begn\u00fcgen. Telefonspinnen auf dem Tisch und Gespr\u00e4chsteilnehmer, die sich anh\u00f6rten als w\u00e4ren sie auf dem Weg zum Mars, dabei sa\u00dfen sie doch nur in Mannheim oder Welwyn. Heute kann man jeden mit ein paar Klicks zu sich nach Hause holen. Seit der Pandemie k\u00f6nnen das sogar meine Eltern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Marty in einer Mail von dem Basel-Buch erz\u00e4hlt und dass die Besch\u00e4ftigung mit der Stadt Erinnerungen aktiviert, an die ich seit Jahren nicht ger\u00fchrt habe. Manchmal sei ich mir nicht sicher, was davon stimme und was ich mir nur zusammenreime, schrieb ich ihm. Jetzt gleichen wir Erinnerungen ab. Mitunter f\u00fchlt es sich an wie ein Veteranentreffen. Wei\u00dft du noch dies und wei\u00dft du noch das? Und doch hat jeder sein eigenes mentales Album, das voll unterschiedlicher Basel-Bilder steckt. Statt uns Fotos vor die Nase zu halten, erz\u00e4hlen wir, lassen ein Basel auferstehen, das es nicht mehr gibt. Ein Basel? Viele Basel. Baselzeit-Dias. Seine erste Stunde in der Stadt als junger Interrailer: Ein Irrtum. Ich male mir aus, wie er frustriert in der Halle unter dem Matterhorngem\u00e4lde hockt, unwillig auch nur einen Fu\u00df vors Bahnhofsgeb\u00e4ude zu setzen, und auf den n\u00e4chsten Zug nach Z\u00fcrich wartet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben im gleichen Jahr in der Grenzacherstra\u00dfe angefangen. Konzernleitungsbau. Waren praktisch B\u00fcronachbarn. Nur dass ich ein Corporate Rookie war und Marty knapp zwanzig Jahre Roche-Vorsprung hatte. Basel-Rookies waren wir beide. Er brachte seinen schweren Roche-USA-Rucksack mit und ich ein Rollk\u00f6fferchen mit akademischer und journalistischer Erfahrung. \u00bbIch war damals ganz sch\u00f6n idealistisch unterwegs\u00ab, sage ich. \u00bbSo was I\u00ab, sagt Marty, und er habe immer an den gesunden Menschenverstand geglaubt und wenig auf Hierarchien gegeben. \u00bbSo did I\u00ab, sage ich. \u00dcberhaupt sei er eher zuf\u00e4llig in die Unternehmenswelt geraten. Fr\u00fcher habe er an dieser Stelle immer gesagt \u00bbaus Versehen\u00ab, aber nach \u00fcber drei\u00dfig erf\u00fcllten Jahren sei diese h\u00fcbsche Formulierung wohl nicht mehr aufrechtzuerhalten. \u00bbSchade drum,\u00ab sagt er.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Marty ist ein Mann des Wortes. Er liebt es, mit Worten zu arbeiten, Geschichten zu erz\u00e4hlen. Tr\u00e4umte einst von einer Schreibkarriere, New York Times vielleicht. W\u00e4hrend er in Woodstock feierte und nicht lange danach durch Europa tourte, habe nichts ferner gelegen als Big Pharma und die Schweiz. Und Basel. What the fuck is Basel? Martys erster geplanter Basel-Besuch f\u00e4llt in die Anfang Neunzigerjahre. Krisenkommunikation. Vitaminkartell. \u00bbAls ich in New York ins Flugzeug stieg, war Basel f\u00fcr mich ein winziger Ort in einem unbedeutenden Kuckucksuhrland, aus dem gelegentlich graue Emiss\u00e4re mit umst\u00e4ndlichen Namen wie Herr Dr. von G. zu uns nach Amerika kamen, um Anweisungen zu bellen,\u00ab erz\u00e4hlt er. \u00bbIn meiner Vorstellung gab es dort nichts als drei Chemieunternehmen, rauchende Schornsteine und einen braunen Fluss, der es kurz zuvor bis in die US-Nachrichten gebracht hatte. Wir hatten das Wort \u201aSchweizerhalle\u2018 gelernt und Berge von verendeten Fischen gesehen.\u00ab \u00bbWei\u00dft du\u00ab, sage ich, \u00bbwas ich erst k\u00fcrzlich herausgefunden habe? Der Name \u201aSchweizerhalle\u2018 kommt gar nicht von \u201aLagerhalle, die in der Schweiz liegt und abgebrannt ist\u2018, sondern von Saline, ein Ort, an dem Salz gewonnen wird. Halle ist ein anderes Wort daf\u00fcr. Kennt man in Deutschland von Orten wie Schw\u00e4bisch Hall oder Bad Reichenhall.\u00ab Der Bildschirm-Marty nickt nachdenklich, f\u00e4hrt fort. \u00bbIch lande in Z\u00fcrich, es geht mit dem Zug nach Basel, ich trete aus dem Bahnhof \u2013 und es haut mich um: Die Blumenk\u00e4sten an den Fenstern, die \u00fcberquellen vor Geranien, Rot, Rot, wohin man schaut, die alten Torb\u00f6gen, die den Blick freigeben auf schattige Innenh\u00f6fe, das historische Kopfsteinpflaster, die engen Gassen mit den edlen Bekleidungsgesch\u00e4ften, den Kunstgalerien und Stra\u00dfencaf\u00e9s. Es ist nichts anderes als sch\u00f6n. Und dann der Fluss, blaugr\u00fcn, und die Boote und F\u00e4hren und der Himmel dar\u00fcber und die Wolken, die mit dem Strom zu ziehen scheinen, und die bunt beflaggte Steinbr\u00fccke, und im Hintergrund die gr\u00fcne H\u00fcgelkette. So geht Liebe auf den ersten Blick.\u00ab Die Liebe zu Basel, raunt es in meinem Kopf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnd seitdem wolltest du in die Konzernzentrale kommen\u00ab, sage ich laut in mein Computermikrophon, aber Marty verneint. Headquarter. Mit der Stimme imitiert er den Klang, den dieses Wort damals an der stolzen amerikanischen Niederlassung in Nutley, New Jersey, einundzwanzig Autominuten vom Times Square in Manhattan entfernt, hatte: grau und \u00fcberfl\u00fcssig. Die bald hundertdrei\u00dfig Jahre lange Geschichte von Roche in der Schweiz ist nur achtzehn Jahre l\u00e4nger als die von Roche in den USA, seit gut einem Jahrhundert marschieren die Standorte Nutley und Basel miteinander. Ohne uns, w\u00e4rt ihr nichts! Denkt der eine vom anderen und umgekehrt. Basel \u2013 als Synonym f\u00fcr Zentrale \u2013 habe man auf Abstand gehalten, sagt Marty. Mindestens eine Armesl\u00e4nge. Wieso sollten sich die gr\u00f6\u00dften Vertriebs- und Marketinghelden im gr\u00f6\u00dften Wirtschaftsraum der Welt von jemandem aus einem Kuckucksuhrenland sagen lassen, wie sie ihre Produkte zu vermarkten h\u00e4tten? Ihm pers\u00f6nlich habe die Idee eingeleuchtet, dass eine global agierende Firma eine globale Strategie und einen einheitlichen Auftritt brauche und diese naturgem\u00e4\u00df an der Konzernzentrale ausgeheckt werden. Gesunder Menschenverstand. Kann mit diffusen Verr\u00e4tergef\u00fchlen einhergehen, wenn man zu Schl\u00fcssen kommt, die nicht der Mehrheitsmeinung vor Ort entsprechen. \u00bbEinst wurden die Verr\u00e4ter von der Mittleren Br\u00fccke geschubst und an einem langen Seil gew\u00e4ssert, eine Fr\u00fchform des Waterboarding\u00ab, sage ich passend unpassend. Wie es aussieht, habe ich zu viel recherchiert in den letzten Monaten, jetzt meldet sich mein assoziatives Streberhirn bei jeder Gelegenheit und ruft: Ich wei\u00df was, ich wei\u00df was! Marty wurde als eine Art Verbindungsoffizier vom Hudson an den Rhein berufen mit einer schier pharaonischen Aufgabe, in etwa so wie die Vereinigung Ober- und Unter\u00e4gyptens: Er sollte helfen, den transatlantischen Roche-Dualismus zu \u00fcberwinden. Mir als Gro\u00dfkonzern-Rookie erschien das alles schleierhaft. Was ich verstand: Das war nun also ein Expat, einer dieser hochqualifizierten Stadtbewohner auf Zeit mit Arbeitsvertrag im Ausland. Nach Basel lockt man sie mit unschlagbaren Standortvorteilen: Rheinschwimmen, sauberen, sicheren Stra\u00dfen und dem Versprechen, dass sie Englisch sprechen d\u00fcrfen. Dann geh doch in die Schweiz!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Er habe schwer mit sich gerungen. \u00bbTaking a leap of faith\u00ab, nennt er das Ergebnis seines Entscheidungsfindungsprozesses. Ein Sprung ins kalte Wasser im Vertrauen darauf, dass man schon wieder an die Oberfl\u00e4che kommen und schwimmen werde. Ob er mal im Rhein geschwommen sei, frage ich ihn. Das habe sich doch w\u00e4hrend seiner Zeit in Basel regelrecht zum Volkssport entwickelt. Marty wehrt ab, er schwimme in Pools und im Meer, aber nicht in Fl\u00fcssen. Er liebe es, am Rhein entlangzugehen, er liebe es, mit einer der F\u00e4hren \u00fcber den Rhein zu fahren \u2013 aber sich vom Rhein wegtragen zu lassen? Er schweigt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Englisch sprechen sei das anfangs so eine Sache gewesen. Im Alltag sei er sich vorgekommen, als w\u00e4re er auf einer Insel gestrandet, deren Ureinwohner nichts als gibberish beherrschten. Kauderwelsch. Leider habe sich der Eindruck auch nicht gegeben, als er anfing, Deutschstunden zu nehmen. Aber wenigstens h\u00e4tten die Leute ihn dann verstanden. Erst mit der Fu\u00dfball-Europameisterschaft sei alles besser geworden. Mein Gehirn versucht diese Aussage zu verarbeiten und malt eine Szene mit dem schaltragenden, fahnenschwenkenden Marty auf der Trib\u00fcne des St. Jakob-Stadions, die Schweiz gewinnt ihr einziges Vorrundenspiel gegen eine bereits f\u00fcrs Viertelfinale qualifizierte portugiesische Mannschaft, ein Basler Bub \u2013 manche w\u00fcrden wohl sagen: ein Ausl\u00e4nder mit Schweizer Pass \u2013 schie\u00dft zwei Tore, Ronaldo keins, aber der schaute an dem Tag nur von der Bank aus zu und ruhte sich f\u00fcr Deutschland aus. \u00bbDu interessierst dich doch nicht f\u00fcr Fu\u00dfball\u00ab, sage ich. Marty sch\u00fcttelt energisch den Kopf. \u00bbHabe ich nie, werde ich nie. Ich war auch nie im Stadion. Es war einfach dieses Gigaevent. \u00ab Es habe die Stadt ver\u00e4ndert. Als h\u00e4tte es eine Verordnung gegeben, dass s\u00e4mtliche Basler eine Pflichtschulung in interkultureller Kompetenz durchlaufen m\u00fcssen. Visit Basel. Und pl\u00f6tzlich sprachen alle Englisch. Wie stark die Wahrnehmung der Realit\u00e4t vom eigenen Hintergrund gepr\u00e4gt ist, denke ich. Mein Erleben dieser Euro 2008 und meine Erinnerungen daran sind ganz andere. \u00bbPublic Viewing\u00ab auf dem M\u00fcnsterplatz, Riesenleinw\u00e4nde und Trib\u00fcnen, und die Gelegenheit f\u00fcr uns Deutsche, die zwei Jahre alten schwarz-rot-goldenen Hulaketten und F\u00e4hnchen zu recyclen. Ansonsten eher mittelm\u00e4\u00dfige Stimmung, bis auf den einen Tag, an dem die Holl\u00e4nder die Stadt einnahmen und die Einwohnerzahl \u00fcber Nacht verdoppelten. Die Rheinpromenade f\u00e4rbte sich orange und Kameras aus aller Welt zeigten angeheiterte Fu\u00dfballfans, die von der Mittleren Br\u00fccke sprangen. Der Hammering Man am Aeschenplatz trug Oranje und sogar der Tinguely-Brunnen soll eingef\u00e4rbt worden sein. Dass solche Tage eine ganze Stadt ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, ist mir damals nicht in den Sinn gekommen. \u00bbNa, wenigstens war die Arbeitssprache bei Roche kein Problem\u00ab, sage ich. Marty runzelt die Stirn und wiegt den Kopf hin und her. \u00bbErinnerst du dich an unsere erste gemeinsame Abteilungsvollversammlung? \u00ab Meine Antwort wird von einer heulenden Sirene in den Stra\u00dfen New Yorks \u00fcbert\u00f6nt. Ich warte, \u00fcberlege nochmal, dann wiederhole ich: \u00bbVage. Fast gar nicht. War wohl nicht besonders eindr\u00fccklich f\u00fcr mich.\u00ab \u00bbAber f\u00fcr mich\u00ab, sagt er. \u00bbPass auf: Drei\u00dfig Menschen sitzen in U-Form in einem Sitzungssaal, Rolf spricht. Auf Deutsch.\u00ab \u00bbEcht jetzt?\u00ab, werfe ich erstaunt ein. Marty f\u00e4hrt fort: \u00bbMein Name f\u00e4llt. Ich l\u00e4chele in die Runde. Wahrscheinlich wurde ich gerade vorgestellt, denke ich. Dann geht es reihum, jeder erz\u00e4hlt ein bisschen und reicht den Stab weiter. Als ich an der Reihe bin, bricht es aus mir heraus: Aufgrund meiner Beobachtung in der letzten Stunde, nehme ich an, dass es hier darum geht, von den laufenden Projekten zu berichten, verstanden habe ich n\u00e4mlich nichts, man m\u00f6ge mir verzeihen, ich mache das jetzt auf Englisch.\u00ab Jetzt erinnere ich mich. Was Rolf tats\u00e4chlich am Anfang der Sitzung gesagt hatte: Man solle doch von nun an aus Gr\u00fcnden der H\u00f6flichkeit und Verst\u00e4ndlichkeit in dieser Abteilungsversammlung keinen Dialekt mehr sprechen, sondern Hochdeutsch. Ich sch\u00fcttle den Kopf und sage: \u00bbStimmt. So war\u2019s. Irre.\u00ab&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Sicherheit der Stra\u00dfen betr\u00e4fe, habe Basel seine Erwartungen erf\u00fcllt, wenn nicht \u00fcbererf\u00fcllt. Wie gewissenhaft daf\u00fcr gesorgt wird, hat er am eigenen Leib erfahren. Marty will vom Gellert zum Marktplatz mit der Tram. Es ist Samstag, er tr\u00e4gt zivil, keinen smarten Anzug wie sonst, sondern seine geliebte Air-Jordan-Trainingshose, die er sich beim letzten Heimatbesuch im NBA-Shop geleistet hat, schwarz mit einem breiten roten Streifen an der Seite, dar\u00fcber die schwarze Skijacke. Es ist Winter. Er zieht seinen Fahrschein aus dem Automaten, da h\u00f6rt er eine gebieterische Stimme in seinem R\u00fccken: \u00bbPapiere! Papiere!\u00ab Er dreht sich um, ein Polizistenpaar steht vor ihm. Er l\u00e4chelt freundlich und erkl\u00e4rt, er fahre kurz zum Marktplatz, da nehme er doch keine Papiere mit. Sie l\u00e4cheln nicht. Was er dort mache? Was er hier wolle? Was in seinem Rucksack sei? Seine Antworten scheinen nicht zu gen\u00fcgen. Mitkommen! Sie nehmen ihn mit zum Auto, er muss die H\u00e4nde auf die K\u00fchlerhaube legen, Beine breit, sie durchw\u00fchlen seinen Rucksack. Wo er arbeite? Wo er wohne? Er antwortet. Gen\u00fcgt nicht. Er muss einsteigen, sie fahren zu seiner Adresse, begleiten ihn zur T\u00fcr. Mit dem Schl\u00fcssel im Schloss dreht sich auch die Situation. \u00bbLiebling, wir haben Besuch\u00ab, ruft er. Seine Frau bekommt einen Schreck. Da steht die Polizei im Flur und schaut betreten aufs Parkett. Es sei in Ordnung. Nichts da. Jetzt m\u00fcssen sie sich die Papiere ansehen, den ganzen Packen. Martys Frau besteht darauf. Am Ende bieten sie ihm an, ihn wieder zur Tramhaltestelle zu fahren. \u00bbWarum ich?\u00ab, will er wissen, bevor er aus dem Auto steigt. Der Polizist braucht einen Moment, bis er sich die englischen W\u00f6rter zurechtgelegt hat: \u00bbBad people wear the clothes like this.\u00ab Generalverdacht. Wir lachen. Heute sei das f\u00fcr ihn eine gute Anekdote, sagt er, f\u00fcr die Schwarzen in seinem Bekanntenkreis sei das allt\u00e4glich. Das habe ihn schon nachdenklich gemacht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die einzige schlechte Basel-Erfahrung, an die er sich erinnern kann. Er \u00fcberlegt lange. Es fallen ihm anf\u00e4ngliche Irritationen ein, dass sonntags die L\u00e4den geschlossen haben, zum Bespiel, nichts von Belang. \u00bbIm Grunde war die Zeit in Basel wie ein Traum\u00ab, sagt er dann. F\u00fcnfzehn Jahre sind er und seine Frau geblieben, dreimal l\u00e4nger als geplant, bis zu seiner Pensionierung. \u00bbWir haben heute mehr Freunde in Basel als in New York\u00ab, sagt er. Und dann erz\u00e4hlt er von seiner Vermieterin auf dem Bruderholz, beste Wohnlage in Gro\u00dfbasel. Wie sich die anf\u00e4nglich strenge, distanzierte Dame und das amerikanisch- chinesische Paar \u00fcber die Jahre angen\u00e4hert h\u00e4tten, von Einladung zu Einladung. Er schw\u00e4rmt von dem parkartigen Garten im Wandel der Jahreszeiten, den kultivierten Tischgespr\u00e4chen, die manchmal, bef\u00f6rdert vom Wein, vorsichtig ins Pers\u00f6nliche gleiten durften, den Hauskonzerten und gemeinsamen kulturellen Aktivit\u00e4ten. Er erz\u00e4hlt von den Nachbarn, die erst einen Briefumschlag an die T\u00fcr geh\u00e4ngt h\u00e4tten, in dem ein Foto des T\u00fcrgriffs war mit dem Hinweis, dies sei ein T\u00fcrgriff und man solle ihn doch benutzen, um die T\u00fcr r\u00fccksichtsvoll zu schlie\u00dfen, um dann nach zehn Tagen guter F\u00fchrung an derselben Stelle einen gro\u00dfen Blumenstrau\u00df zu finden mit einer Einladung zum Abendessen. Er erz\u00e4hlt von echten Picassos in Wohnzimmern, weltbekannten Pianisten auf Besuch und dem schwarzen Mercedes SLK in der Garage. Das Wort \u00bbDaig\u00ab nimmt er kein einziges Mal in den Mund. Ich wei\u00df nicht einmal, ob er es kennt. Frage auch nicht nach. Unvoreingenommenheit ist ein Segen. Ob er seine Nachbarn f\u00fcr typische Basler gehalten habe? \u00bbKeine Ahnung\u00ab, sagt er. Jeder sei auf seine Art besonders gewesen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jeden Sommer kommen sie in die Schweiz zur\u00fcck, gehen wandern in Zermatt und spazieren in Basel am Rhein entlang. \u00bb\u00dcberw\u00e4ltigend\u00ab, sagt Marty. Wenn er \u00bbBasel\u00ab sagt, dann meint er alles mit, die ganze Schweiz und halb Europa. Paris und Mailand und die Amalfi-K\u00fcste geh\u00f6ren genauso zu seinem Basel wie Z\u00fcrich, das Matterhorn und der Genfer See. Vor allem aber meint er Roche. Ob ihm Basel eine Heimat geworden sei, will ich wissen. Auf der Suche nach einer Antwort, untersucht er erstmal den Begriff. Er nimmt ihn gedanklich zwischen Daumen und Zeigefinger und wendet ihn hin und her. \u00bbIch glaube, Heimat ist f\u00fcr mich pers\u00f6nlich der Ort, an dem ich mich sicher, wohl und geborgen f\u00fchle, an dem ich mich auskenne und nicht verlaufe. Also habe ich zwei Heimaten: New York, zwischen der 1st und 100th Street und der 1st bis 11th Avenue, und Basel.\u00ab \u00bbWei\u00dft du, wer daf\u00fcr sorgt, dass du dich in der New Yorker U-Bahn nicht verl\u00e4ufst? Eine Schriftart, die in M\u00fcnchenstein bei Basel erfunden wurde.\u00ab Ich erz\u00e4hle Marty, was ich \u00fcber Helvetica herausgefunden habe. Da strahlt er.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus Platzgr\u00fcnden unver\u00f6ffentlichtes Kapitel f\u00fcr: Daniela Engist, <a href=\"https:\/\/8gradverlag.de\/buecher\/mein-basel\/\">Mein Basel \u2013 Die bewegte Stadt<\/a>, 8 grad verlag, 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles beginnt mit einer Entt\u00e4uschung. Von Kopenhagen \u00fcber Paris kommend, \u00fcberm\u00fcdet und hungrig, zerrt ein junger Amerikaner seinen Rucksack aus dem Zug. Endlich, denk er. Endlich am Ziel. Z\u00fcrich ist die einzige Schweizer Station auf seiner Interrailreise durch Europa. 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