{"id":604,"date":"2022-11-29T15:35:41","date_gmt":"2022-11-29T14:35:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/?p=604"},"modified":"2024-03-24T15:41:07","modified_gmt":"2024-03-24T14:41:07","slug":"die-farbe-der-sonne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/die-farbe-der-sonne\/","title":{"rendered":"Die Farbe der Sonne"},"content":{"rendered":"\n<p>Warum hat er mich nochmal so gek\u00fcsst? Er h\u00e4tte mich nicht so k\u00fcssen m\u00fcssen. Es gibt K\u00fcsse, auf die ist man vorbereitet. Man steht beieinander und sp\u00fcrt die Anziehung schon vorher, man sp\u00fcrt die M\u00f6glichkeit, den Abstand aufzugeben, die Spannung, die sich aufbaut \u2013 und dann das Nachgeben, der kurze Moment bevor sich die Lippen ber\u00fchren. Die Schutzschicht der Lippen ist \u00e4u\u00dferst verletzlich, nur drei, vier Zellschichten dick, ein hauchd\u00fcnnes Plattenepithel, durchscheinend. Das Rot, das Lippenrot, das machen die Blutgef\u00e4\u00dfe. Alles sieht und sp\u00fcrt man durch diese d\u00fcnne Schicht hindurch, das Leben des anderen, das mit dem Blut durch den ganzen K\u00f6rper geht, nirgends kommt man sich so nah wie an den Lippen. Blanke Nervenenden. Alles kann \u00fcber sie eindringen, sie sind schutzlos. Lippenherz nennt man die Vertiefung der Oberlippe, man meint nur die \u00e4u\u00dfere Form und t\u00e4uscht sich nicht. Kein Wort l\u00e4sst sich bilden ohne die Lippen. Mit Worten kann man l\u00fcgen, ohne Worte kann man l\u00fcgen. Aber mit solch einem Kuss? Der K\u00f6rper spricht ohne Worte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesen Kuss war ich nicht vorbereitet. Wir hatten gesprochen, nicht lange, nicht viel. Verabschieden wollte ich mich. Nur verabschieden. Er ist mit mir zum Messeparkplatz gegangen, eine Kiste Wein unter dem Arm. Stellt die Kiste in den Kofferraum, tritt einen Schritt zur\u00fcck, ich einen vor, schlie\u00dfe den Kofferraum, da ber\u00fchrt er mich am R\u00fccken, seine Hand auf meinem R\u00fccken, ich drehe mich um, er h\u00e4lt mich, dann dieser Kuss, der \u00fcber uns zusammenschl\u00e4gt wie Wasser. Ich sinke langsam, mit Leichtigkeit, kann unter Wasser atmen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Heimweg geriet ich in ein Gewitter. Ungew\u00f6hnlich zu dieser Jahreszeit und von unerwarteter Heftigkeit. Lass es uns langsam angehen, hatte er gesagt und: ich d\u00fcrfe nicht glauben, dass er mit mir spiele. Blinde Kuh. Blindflug bei verlangsamter Geschwindigkeit. Ich wollte anhalten, abwarten, aber es kam kein Parkplatz mehr. Und so musste ich weiterfahren, immer weiter, wie das Leben weitergeht, wie das Herz weiterschl\u00e4gt \u2013 auch ohne Aussicht. Unterwassersicht. Ich fahre. Gefahr, schreit es in mir, Ausnahmesituation. Der Regen dicht wie ein Vorhang, die Scheibenwischer schaffen es nicht mehr. Das Prasseln auf dem Dach und in meinem Kopf. Ich sitze im Trockenen und doch verschwimmt die Grenze zwischen Au\u00dfen und Innen. Auch in mir regnet es, Starkregen, Sturzregen, der mir alle Lebensenergie ausw\u00e4scht, alles mit sich forttr\u00e4gt, was gut und fruchtbar ist. Gef\u00fchlserosion. Zur\u00fcck bleibt ausgewaschener Stein, ein scharfkantiger Klumpen mit monstr\u00f6sen Z\u00fcgen. Ich frage mich, wie ich das \u00fcberleben soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne tut ihre Arbeit. Seit viereinhalb Milliarden Jahren. Sie strahlt. Eines Tages wird sie vergl\u00fchen. Das kann man berechnen. Aber weil man es mit menschlichen Ma\u00dfst\u00e4ben nicht fassen kann, bleibt einem nur: daran glauben. Glaub es! Wer glaubt, hegt immer einen Funken Zweifel. Ein kleiner Rest, der daf\u00fcr sorgt, dass man bei aller \u00dcberzeugung hofft oder f\u00fcrchtet, es k\u00f6nnte auch anders kommen. Die Zeit tut ihre Arbeit. Sie vergeht. Sie sei ohne Anfang und ohne Ende, sagt man. Wenn in f\u00fcnf Milliarden Jahren die Sonne vergl\u00fcht, endet dann die Zeit? Oder schon lange vorher, weil Zeit ein menschliches Ma\u00df ist und mit den Menschen endet? Mit der Zeit vergeht alles. Zeit heilt, sagt man. Drau\u00dfen brennt die Sonne auf die Weinberge des Duoro, und drinnen in meinem schattigen Zimmer warte ich darauf, dass die Zeit tut, was sie kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Paul macht Vorschl\u00e4ge, seit wir hier angekommen sind. Er hat sich gut vorbereitet, Ausflugsziele herausgesucht, Weing\u00fcter, die man besuchen k\u00f6nnte, die besten Erzeuger. Sogar ein paar Brocken Portugiesisch hat er gelernt,&nbsp;<em>uschusch, oschosch<\/em>, wenn er nicht weiterkommt, h\u00e4ngt er das an die spanischen W\u00f6rter, die ihm einfallen. Fr\u00fcher h\u00e4tte ich ihn damit aufgezogen. Und wir h\u00e4tten zusammen gelacht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sollen wir dies, sollen wir das?<br>Ich wei\u00df nicht, wenn du meinst, vielleicht morgen?&nbsp;<br>Verstehe, sagt er nachsichtig, nimmt sich ein Buch und geht zur T\u00fcr, h\u00e4lt inne. Alles gut?<br>Ja.<br>Die T\u00fcr f\u00e4llt zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts ist gut. Es ist nicht einmal besser. Alles hat seine Farbe verloren. Georg sitzt neben mir auf dem Bett. Was machst du?, frage ich ihn. Denkst du an mich? Er schweigt. Ich k\u00f6nnte meinen Kopf an seine Schulter legen, aber ich tue es nicht, weil er mir sonst verschw\u00e4nde. Ich w\u00fcrde gerne sein Hemd aufkn\u00f6pfen, einen Knopf nach dem anderen, und ihm das Hemd \u00fcber die Schultern streifen und das verwaschene Unterhemd \u00fcber den Kopf ziehen und immer so weiter, alles abstreifen, den Winzer, den Ehemann, den Vater, den Sohn bis nur noch der Mann \u00fcbrigbleibt, der Heilige Geist auf dem Bett. Wer sind wir, wenn wir bis auf die Haut ausgezogen sind?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Leicht sollte man sein, sage ich zu Georg. Alles, was das Leben schwer macht, sollte man abstreifen k\u00f6nnen. Warum ist das Leben so schwer? Was ist es, das wir aufgeh\u00e4uft und angesammelt haben, das uns nach unten zieht, am Boden h\u00e4lt, un\u00fcberwindbar wie die Schwerkraft?<br>Ich \u00f6ffne die Augen und bin allein.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Paul am Pool liest, schreibe ich Postkarten. Sie zeigen das Hotel in eindrucksvoller Lage, Steilhang, Unendlichkeitsbecken. Lieber Georg. Jeden Tag legt mir der Zimmerservice eine neue Postkarte auf den Schreibtisch. Ich schicke sie nicht ab. Ich stecke sie unter die Matratze.<\/p>\n\n\n\n<p>Georg liegt zwischen uns in der Nacht. Ich kann ihn riechen. Wenn ich es nicht mehr aushalte, strecke ich meine Hand nach ihm aus. Paul dreht sich zur anderen Seite, ohne zu erwachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Paul \u00fcberrascht mich mit einen Massagetermin im Spa. Du wei\u00dft doch, wie furchtbar ich es finde, mich von fremden Menschen ber\u00fchren zu lassen, sage ich entnervt. Jetzt nutzt er die gebuchte Stunde. Er sagt, ihn entspanne das.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich rollte mich auf dem Bett zusammen, die Arme fest um mich geschlungen, meine Lippen ber\u00fchren meine Knie. Es ist alles noch da, was ich von dir in mir aufgenommen habe. Wie lange l\u00e4sst sich das bewahren? Ich f\u00fcrchte den Tag, an dem es nicht mehr zu sp\u00fcren sein wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch bitte ich dich nicht.<br>Ich werde dich nicht bitten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Manuskriptauszug, erschienen in der <a href=\"https:\/\/www.wortschau.com\">WORTSCHAU<\/a> , Magazin f\u00fcr Gegenwartsliteratur, Nr. 40, &#8222;Sehnsucht&#8220;.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum hat er mich nochmal so gek\u00fcsst? Er h\u00e4tte mich nicht so k\u00fcssen m\u00fcssen. Es gibt K\u00fcsse, auf die ist man vorbereitet. 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