{"id":317,"date":"2020-04-09T23:22:04","date_gmt":"2020-04-09T21:22:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/?p=317"},"modified":"2020-07-08T10:11:02","modified_gmt":"2020-07-08T08:11:02","slug":"kurvendiskussion-mit-c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/kurvendiskussion-mit-c\/","title":{"rendered":"Kurvendiskussion mit &#8222;C&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist wie mit den Fallzahlen, exponentielles Wachstum eben. Freunde mit naturwissenschaftlichem Hintergrund, die sind dieser Tage besonders gefragt, haben mir das Kurvenph\u00e4nomen inzwischen ausgiebig erkl\u00e4rt. Weil das die normalen Leute doch nicht verst\u00fcnden. Und die Kulturschaffenden schon gar nicht. Die k\u00f6nnten ja auch nicht rechnen, denn sonst h\u00e4tten sie sich nie auf so ein Leben eingelassen, bei dem man von der Hand in den Mund lebt, so wie die Maus Frederick, und sich dann wundert, wenn in Krisenzeiten keine Reserven da sind. H\u00e4tte man wissen k\u00f6nnen, Erstauflage 1967, in unserer Generation bereits Kindergartenpflichtlekt\u00fcre. Aber ist es am Ende nicht Frederick, der den anderen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ah, Mist, jetzt ist es schon passiert. Das wollte ich doch vermeiden, \u00fcber B\u00fccher und Lesen in&nbsp;<em>diesen<\/em>&nbsp;Zeiten zu schreiben. Lekt\u00fcreempfehlungen haben Hochkonjunktur, Loblieder auf das Lesen und die Literatur als fast schon in Vergessenheit geratenes Hausmittel, das nun eine so gl\u00fcckliche Renaissance erf\u00e4hrt, erfahren k\u00f6nnte in Corona-Zeiten. Was hei\u00dft das eigentlich \u201eCorona-Zeiten\u201c? Ist das wie mit Christi Geburt? Wird es eine Zeit vor und nach Corona geben, A.C.,&nbsp;<em>ante coronam<\/em>, und P.C.,&nbsp;<em>post coronam<\/em>? Und wann f\u00e4ngt denn \u201enach Corona\u201c an? Egal, muss ich mal mit J. videotelefonieren, der ist Professor f\u00fcr neuere und neuste Geschichte und hat grad Zeit f\u00fcr Erkl\u00e4rungen. Obwohl, vor ein paar Tagen erschien er mir doch ein bisschen gestresst, weil das ganze Sommersemester jetzt irgendwie online laufen muss. Ich schweife ab. Das passiert, wenn man viel Zeit hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeit haben wir Schreibenden ja jetzt, noch mehr Zeit als sonst. Zumindest dachten wir das. Kaum zu glauben, dass wir noch nicht einmal drei Wochen in \u201ediesen Zeiten\u201c leben. Wobei ich wieder \u00fcber das Datierungsproblem stolpere. Bis wann genau war nochmal \u201evor Corona\u201c? In meiner Erinnerung gab es irgendwann am gef\u00fchlten Anfang ein, zwei Tage des kollektiven Schweigens. War das nach Merkels Fernsehansprache? Als h\u00e4tte es allen die Sprache verschlagen. Schaurig war das. Und sch\u00f6n. Seitdem konnte man Tag f\u00fcr Tag beobachten, wie die Maschinerie wieder ins Laufen kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt, da sich der erste Schock \u00fcber die abgesagten Lesungen und Buchmessen gelegt hat, gefolgt von der Aufregung \u00fcber die verschobenen B\u00fccher, in den Herbst, ins Fr\u00fchjahr, jetzt, da wir nach einer kurzen Phase der Resignation die Chance in der Krise zu sehen gelernt haben und die Sonne wieder scheint, jetzt richten wir alle unsere Blicke nach drau\u00dfen und nach innen. Wir sitzen auf unseren Balkonen oder in unseren G\u00e4rten, in unseren Arbeitszimmern oder am K\u00fcchentisch mit Blick ins Gr\u00fcne, aufs Nachbarhaus, den Innenhof, die Stra\u00dfe. Und schreiben. Monothematisch. Multimedial.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer gleich zu Anfang seine Sprache wiederfand, oder wenigstens irgendeine Sprache, mit der sich schnell ein paar S\u00e4tze formulieren lie\u00dfen, hatte die besten Chancen wahrgenommen zu werden. Und pl\u00f6tzlich ging es steil nach oben, Verdoppelung in f\u00fcnf, vier, drei Tagen: Corona-Tageb\u00fccher, Corona-Romane in Echtzeit, Corona-Gedichte, Corona-Essays, Corona-Online-Theaterst\u00fccke. Dabei sein! Du musst dabei sein! Nicht verpassen! Was wirst du sagen, wenn die Nachwelt einst fragt: Was hat du geschrieben als \u2026 ?<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam wird es eng. Vermutlich wurde inzwischen jeder noch so kleine Teilaspekt von \u201eCorona\u201c aus jedem erdenklichen Blickwinkel beleuchtet, wurde in alle Richtungen gebunden und frei assoziiert, gedichtet, berichtet, verarbeitet, wurde das Ph\u00e4nomen, das Wort, die Umst\u00e4nde, die Folgen, die Emotionen durchdekliniert, seziert, eingeordnet, illuminiert. Es ist, als h\u00e4tten alle eine Hausaufgabe bekommen, zu bearbeiten im kollektiven Hausarrest, das Thema f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Literaturwettbewerb aller Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6chste Zeit, dass ich auch mal was \u00fcber Corona schreibe. Bevor die Kurve abflacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist wie mit den Fallzahlen, exponentielles Wachstum eben. Freunde mit naturwissenschaftlichem Hintergrund, die sind dieser Tage besonders gefragt, haben mir das Kurvenph\u00e4nomen inzwischen ausgiebig erkl\u00e4rt. Weil das die normalen Leute doch nicht verst\u00fcnden. Und die Kulturschaffenden schon gar nicht. Die k\u00f6nnten ja auch nicht rechnen, denn sonst h\u00e4tten sie sich nie auf so ein &hellip; <a href=\"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/kurvendiskussion-mit-c\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Kurvendiskussion mit &#8222;C&#8220;<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-317","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=317"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":332,"href":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317\/revisions\/332"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=317"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=317"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.daniela-engist.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}