Daniela Engist

Daniela Engist, 1971 bei Schwäbisch Gmünd geboren, studierte Germanistik, Anglistik und Musikwissenschaft in Freiburg im Breisgau. Behauptete in ihrer linguistischen Doktorarbeit, dass der Dialekt nicht aussterbe – unter gewissen Umständen.

Freie Journalistin, PR-Managerin, »Managerseelenstreichlerin«. Nach dreizehn Jahren bei multinationalen Konzernen in der Schweiz tauschte sie Brot gegen Kunst und widmet sich seitdem dem Schreiben. »Kleins Große Sache« ist ihr Debütroman.

Daniela Engist im Interview

Über ihren Debütroman »Kleins Grosse Sache«


Im folgenden Frage- und Antwort-Spiel gibt die Autorin Auskunft über den Schreibprozess, das ungewöhnliche Setting, das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit und den radikalen Bruch in ihrer Biografie.

Was war beim Schreiben des Romans als Erstes da: ein Gedanke, ein Thema, eine Figur? Oder tatsächlich der erste Satz?

Es gab am Anfang zwei Szenen, die mir deutlich vor Augen standen, ganz im bildlichen Sinne, wie kleine stumme Filmsequenzen: Da war zum einen dieser junge Mann mit dem neuen Anzug im ICE, der durch den dunklen Wintermorgen zu seinem ersten Arbeitstag fährt. Und dann gab es dieses riesige leere Vorstandsbüro, in dem der müde Konzernlenker einsam am Konferenztisch sitzt, für einen Augenblick ganz auf menschliche Größe geschrumpft, und des nächtens auf seinen kleinen Angestellten wartet. Dass sich praktisch der ganze Roman zwischen diesen beiden Szenen entwickeln würde, war nicht geplant. Das ergab sich erst während des Schreibens aus einer Art innerer Notwendigkeit. Mit Haralds erster Zugfahrt in die Schweiz, die ja auch seine erste Grenzüberschreitung im doppelten Sinne ist, setzt eine unaufhaltsame Bewegung ein, die zwangsläufig zu dieser Teufelsbegegnung führen muss.

Harald Klein hält sich selbst für einen eher mittelmäßigen Typen, und tatsächlich kann man ihn nicht gerade als schillernde Figur bezeichnen. Er bietet sich nicht einmal so recht als Anti-Held an. Wie kann so jemand zu Ihrer Hauptfigur werden?

Vieles an Harald ist gewöhnlich, fast unbestimmt. Er hat einen Allerweltsnamen, eine Allerweltsherkunft und eine Art Allerweltsaussehen bis hin zur undefinierbaren Haar- und Augenfarbe. Aber genau darin liegt auch sein Potenzial, es macht ihn zu einem Jedermann. Er ist ein Held auf Durchschnittsaugenhöhe, einer zum Mitfühlen. Kein Lautsprecher mit dicker Hose, kein Provokateur, kein Profiteur, kein Selbstoptimierer – ein Typ, noch kleiner als du und ich. Er denkt all die peinlichen Gedanken, die wahrscheinlich jeder schon einmal gedacht hat, das aber nie zugeben würde. Manchmal schämt man sich für ihn, und manchmal möchte man ihm am liebsten über den Kopf streicheln. Aber gleichzeitig ist er ein unglaublich guter Beobachter und Zuhörer. Und er ist phantasiebegabt, mit Hang zum Halluzinatorischen. Mit ihm tritt der staunende Leser ins wilde Absurdistan des Großunternehmens ein und erlebt durch seine Augen die fremdartige Exotik eines als langweilig und rational verschrieenen Ortes.

Sie sagen, die Unternehmenswelt biete eine ungeahnte Exotik. Wie kommen Sie zu dieser ungewöhnlichen Sichtweise?

»Exotisch« verstehe ich hier ganz im eigentlichen Wortsinn von »einen fremdartigen Zauber ausstrahlend« – mit besonderer Betonung auf fremdartig. Gerade das Fremde, Befremdliche macht das Unternehmen als Schauplatz für einen Roman interessant, und zwar jenseits der Stereotypen und Klischees, die üblicherweise abgespult werden. So mancher, der in einem Großunternehmen arbeitet, wird das kennen: Es gelingt Ihnen einfach nicht, anderen »draußen« begreiflich zu machen, was Sie da tun. Ihre Eltern verstehen nicht, was Sie tagtäglich auf der Arbeit machen, ihre Kinder starren Sie mit leeren Augen an, wenn Sie versuchen zu erklären, dass Ihre Arbeit mindestens so wertvoll ist wie die des Feuerwehrmanns, des Busfahrers oder des Kinderarztes. Und – Hand aufs Herz – so ganz sicher sind Sie sich da auch nicht.

Sie haben selbst lange Jahre als Kommunikationsmanagerin in Großkonzernen gearbeitet. Natürlich drängt sich die Frage auf, wie sehr dieser Roman an Ihre eigenen Erfahrungen gebunden ist?

Ich bin mit der Hypothese gestartet, dass jeder nur über das (literarisch) schreiben kann, was er auf eine tiefe und einzigartige Weise kennt. »Kennen« bezieht sich dabei nicht auf die Oberfläche – es geht nicht um reale Figuren, Orte und Begebenheiten –, sondern auf das, was darunterliegt: die eigenen Themen und großen Fragen oder vielleicht auch nur die eine große Frage, die einen umtreibt. Dabei muss es noch nicht einmal sein, dass ich diese Frage vollständig ausformulieren kann, vielleicht ist es nur die Ahnung einer Frage. Natürlich kann ich recherchieren und mich in alle möglichen Themen einarbeiten, aber dabei läuft man immer Gefahr, dass es Reportage bleibt, Abbild von etwas, nicht verwandelte Realität. Mich interessiert, schöpferisch mit dem eigenen Material umzugehen.

Sie waren eine erfolgreiche Managerin, warum der radikale Bruch?

Die Vorstellung, nebenher zu schreiben, praktisch als Freizeitbeschäftigung, kam für mich nie in Frage. Ich hatte nie den Drang, in mitternächtlichen Anfällen gegen die Profanität meines Alltags anschreiben zu müssen. Natürlich habe ich immer schon beruflich sehr viele Texte verfasst, aber das hatte mit Literatur nichts zu tun. Ich bin so ein ganz oder gar nicht Typ. Für mich gab es keinen Zweifel: Wenn ich literarisch schreibe, dann wird es ein Roman. Und als dann der richtige Zeitpunkt gekommen war, habe ich meinen Job gekündigt, meine ICE-Jahreskarte zurückgegeben, mir ein Laptop gekauft, einen großen weißen Schreibtisch und einen roten Bürostuhl vors Fenster gestellt und mich jeden Werktag von neun bis vierzehn Uhr hingesetzt, um diesen Roman zu schreiben.


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